«Chaospilot» und Klarheitsstifter
Roman, was beschäftigt dich zurzeit?
Ich beobachte, wie sich das Fenster des Sagbaren verschiebt. Meinungen, die für Links oder Rechts früher undenkbar waren, werden diskutierbar. Beispiele wie die Geschlechter- oder die Erbschaftsdebatten zeigen, wie der Diskurs stetig neu ausgehandelt wird. Wir haben kürzlich einen Text über Overton-Fenster geschrieben, eine Theorie, die versucht, das einzuordnen.
Wie geht ihr mit Komplexität und Mehrdeutigkeit um?
Interaktion ist wichtig, beobachten, was passiert. Das kann ich auch in der Familie, mit meiner Frau und meinem Sohn, anwenden (lacht). Mikael und ich schätzen es, dass verschiedene Welterklärungsmodelle bestehen. Das verlangt eine hohe Ambiguitätstoleranz. Wer die Welt in Schwarz-Weiss malt, macht es sich zu einfach. In unserer Zeit, die immer mehr Spaltung hervorbringt, ist Flexibilität in Meinungsfragen zentral.
Seit vielen Jahren haut ihr als Duo «Krogerus und Tschäppeler» Woche für Woche Beobachtungen zum Führungsalltag raus. Dabei geht es um Selbstführung wie Fremdführung. Wie viel davon versuchst du persönlich zu beherzigen?
Da bin ich ganz entspannt. Spätestens seit ich in einem Tenniscamp in Spanien eine kettenrauchende Herz- und Gefässchirurgin kennengelernt habe, mache ich mir darüber keine Sorgen mehr. Man muss nicht davon ausgehen, dass eine Ärztin sehr gesund lebt, auch wenn sie es besser wüsste. Die «Faustregeln» sind für mich Werkzeuge: Man kann sie anwenden, gut finden oder auch daran scheitern.
Welche Theorien aus den «Faustregeln» möchtest du hervorheben?
Hofstadters Gesetz «Alles dauert länger, selbst wenn man Puffer einplant». Das ist mein Lieblingsgesetz. Also selbst wenn wir wissen, dass alles immer länger dauert, tappen wir in die Falle und glauben, dass es dieses Mal anders sein wird. Dieses Gesetz ist nicht wissenschaftlich nachweisbar, aber doch zutreffend, oder? Und mir gefällt auch der Wasserglacé-Test: Wenn ein achtjähriges Kind allein eine Rakete kaufen gehen kann und wieder zu Hause ist, bevor diese geschmolzen ist, dann wohnt man am richtigen Ort. In dieser einfachen Faustregel, die Urbanisten und Architektinnen gerne mal zitieren, liegt ganz viel drin.
«Alles dauert länger, selbst wenn man Puffer einplant.»
Interessant fand ich auch die Regel von Charles Goodhart (*1936), die sich auf Kennzahlen im Geschäftsalltag bezieht. Sie lautet sinngemäss: «Wenn eine Kennzahl zum Ziel wird, hört sie auf, eine gute Kennzahl zu sein.» Erkläre uns dies!
Kennzahlen, die modernen «Key Performance Indicators», bieten Orientierung, können aber gefährlich werden, wenn wir sie als reines Ziel definieren. Der Kobra-Effekt zeigt eindrücklich, wie falsche Anreize entstehen können. In Indien wurden Prämien für tote Kobras ausgesetzt – woraufhin Menschen Kobras züchteten, um sie für die Belohnung zu töten.
«Eine rationale Herleitung zu kennen und dann danach zu leben, sind zwei Dinge, die oft wenig miteinander zu tun haben.»
Mir als gläubiger Mann ist natürlich auch die Faustregel zur «Pascalschen Wette» aufgefallen. Diese besagt, dass es lohnenswert ist, an Gott zu glauben, weil der mögliche Gewinn unendlich gross ist, während der Verlust gering wäre, falls Gott nicht existiert (siehe nachfolgende Illustration von Roman Tschäppeler). Überzeugt dich diese Theorie – also, glaubst du an Gott?
Man muss dazu sagen, dass Blaise Pascal (1623–1662) christlicher Philosoph und Physiker war. Ein logisches Plädoyer für seinen Glauben kam ihm also entgegen. Aber: Eine rationale Herleitung zu kennen und dann danach zu leben, sind zwei Dinge, die oft wenig miteinander zu tun haben. So wie bei der rauchenden Gefässchirurgin. Oder bei mir, dem zögerlichen Entscheider, der Bücher übers Entscheiden schreibt.
Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?
Ich lasse mich überraschen, ob es nach dem Tod weitergeht, glaube aber nicht, dass mein heutiges Verhalten Einfluss darauf hat oder dass ich mein Jenseits heute optimieren kann. Aus vielen anderen Gründen lohnt es sich, Nächstenliebe, Verantwortung und Mitgefühl zu leben. Ich glaube an die Wirkung der christlichen Kultur und viele – jedoch bei weitem nicht an alle – Ideale des Glaubens. Wenn Menschen sich wörtlich an Buch und Kanzel halten, irritiert mich das. Man kann es so sagen: Ich glaube nicht an den Absender, aber durchaus an die Botschaft.
Was bedeutet Hoffnung für dich?
Hoffnung ist der Glaube an gute Zukünfte. Sie entfacht Motivation und bewirkt Bewegung.
Worauf setzt du deine Hoffnung?
Ich als privilegierter, gesunder und mehr oder weniger sorgenfreier Schweizer finde, andere haben es viel mehr verdient, zu hoffen.
«Ich glaube an die Wirkung der christlichen Kultur und viele – jedoch bei weitem nicht an alle – Ideale des Glaubens.»
Was war die schönste oder überraschendste Frage, die dir je gestellt wurde?
«Roman, wer bist du eigentlich?» – nicht schön, aber wirkungsvoll und eigentlich unbeantwortbar.
Versuche es bitte trotzdem!
Also gut, ich bin ein spezialisierter Generalist mit einem etwas zu positiven Menschenbild. Ich beobachte gerne den Zeitgeist – und verliere manchmal meine eigene Meinung darin … Ich bin einer, der nach vorne blickt und Zukunft gestaltet. Und es schlummert ein nostalgischer Kern in mir, ich bin gern verwurzelt, fühle mich hier im Berner Seeland sehr wohl.
«Ich beobachte gerne den Zeitgeist – und verliere manchmal meine eigene Meinung darin …»
Du gehst den Dingen und den Menschen gern auf den Grund. Welche Frage bringt deiner Erfahrung nach sofort Tiefe in ein Gespräch?
«Wann hast du zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht?» Ausserdem sprechen viele Menschen gern über Reisen und überwundene Krankheiten. Manchmal verrät auch die Nachbarschaft einiges über das Gegenüber.
Musst du Menschen lieben, um deine Arbeit gut zu machen?
Gute Frage. Demut ist zentral, anzuerkennen, dass es andere Erklärungen gibt. Wer nur recht haben will, verliert Menschen. Und sich selbst. Demut schafft Vertrauen.
Diese Demut und Selbstironie war zum Beispiel an einer Solo-Lesung von dir letzten Herbst im Schlosskeller Fraubrunnen BE für mich als Zuschauer gut spürbar.
Schön, dass du es so erlebt hast.
«Ja, ich weiss, man sagt, man solle nicht mit Freunden Geschäfte machen. Aber wenn nicht mit Freunden, mit wem denn?»
Es ist auffällig, dass bei dir wichtige Etappen im Leben bisher oft in einem Duo funktioniert haben. Dies nicht nur jetzt bei der Arbeit mit Mikael Krogerus zusammen. Hast du eine Erklärung dafür?
Ja, ich weiss, man sagt, man solle nicht mit Freunden Geschäfte machen. Aber wenn nicht mit Freunden, mit wem denn? Freundschaft, Vertrauen, gemeinsame Werte, aber auch Unterschiedlichkeit sind die Basis meiner Arbeit. Ich habe Musik mit einem Freund gemacht, mit einem anderen aus der Gastronomie 20 Jahre lang zusammengearbeitet – und bin bereits seit dem Studium mit Mikael auch beruflich verbunden. Zu zweit ist vieles einfacher und weniger komplex als in grossen Teams. Und es ist lustiger mit Freunden als mit ‹n’importe qui›. Ich lache oft und gerne mit Mikael.
ZUR PERSON
Roman Tschäppeler, wie sorgst du in deiner Freizeit für Balance?
Ich spiele sehr gerne und oft Tennis. Im Sommer bin ich irgendwo im Wasser und im Winter auf dem Schnee.
Einer deiner Lieblingsplätze im Berner Seeland?
Aufs Seeland hinunterzuschauen ist schön; vom Mont Vully oder der «Bergerie de Haut» auf dem Mont Sujet.
Welche Serie oder welcher Film hat dich in jüngster Zeit inspiriert?
Ich habe vor einiger Zeit nochmals alle Folgen von «Modern Family» geschaut. Sie sind so lustig, ich könnte sie mir ein weiteres Mal ansehen.
Dafür bin ich in meinem Leben besonders dankbar:
Losglück des Lebens: als Sohn einer Pädagogenfamilie Ende Siebziger in der Schweiz ohne Beeinträchtigung auf die Welt gekommen. Jackpot.
Was war bisher deine mutigste Tat?
Mit sechs oder sieben Jahren bin ich alleine in den Keller hinter die Treppe, das war so eine Geisterecke. Im Ernst, ich habe seither nie mehr so viel Mut gebraucht.
KLEINE BÜCHER FÜR GROSSE FRAGEN
Das Autoren-Duo Roman Tschäppeler und Mikael Krogerus präsentiert im jüngsten Buch «FAUSTREGELN» zahlreiche kurze Erklärungen für komplizierte Situationen. Ihre Methoden, Denkfiguren und Theorien helfen dabei, ein sinnvolleres Arbeitsleben zu führen.
www.rtmk.ch
Autor:
Florian Wüthrich, Manuela Herzog
Quelle:
Hope Schweiz