Wellen reiten und Werte leben
Thomi Jourdan, blicken wir zurück auf Ihre Wahl im Frühjahr 2023. Ein EVP-Mann als Regierungsrat, das ist landesweit ein Novum. Wie kam es dazu?
Ehrlich gesagt muss ich mich manchmal selbst kneifen. Ich bin noch immer begeistert, beeindruckt, man kann auch sagen berührt, dass ich dieses Amt ausüben darf. Nach acht Jahren im Kantonsparlament und 15 Jahren in der Gemeindeexekutive wäre ein Rücktritt aus der Politik nähergelegen. Jemand ausserhalb der Partei und meine Frau ermutigten mich aber zur Kandidatur. Entscheidend waren: Wir führten eine sehr engagierte Wahlkampagne und ich hatte mein «Energy-Team» – Menschen, die mich nicht als Kandidat, sondern als Thomi durch die Wahlzeit begleiteten. Zur Überraschung aller hat es funktioniert, der Bevölkerung klarzumachen, dass eine Exekutive nicht nach Parteibüchlein besetzt werden sollte, sondern mit jenen Leuten, die in die Regierung passen.
«Ich bin noch immer begeistert, beeindruckt, man kann auch sagen berührt, dass ich dieses Amt ausüben darf.»
Beschreiben Sie Ihre Anfangszeit!
Ich fühlte mich wie ins Meer geworfen. Im ersten halben Jahr wurde ich immer wieder überspült. 25 Jahre Politerfahrung schienen auf einmal nutzlos, es war alles so neu und so viel. Ab und an stand ich kurz vor dem Untergang. In der zweiten Phase erlebte ich das Gefühl, mit der Welle mitschwimmen zu können, auch wenn sie mich weiter überspülte. Schliesslich kam der Moment, wo ich mir ein Surfbrett anschnallen konnte. Seither darf ich mit der Welle reiten und die Richtung vorgeben.
«In der zweiten Phase erlebte ich das Gefühl, mit der Welle mitschwimmen zu können, auch wenn sie mich weiter überspülte.»
Das gibt einen schönen Speed! Sie sind kein Mann der schnellen Schüsse. Welchen Ansatz verfolgen Sie in Ihrer politischen Arbeit?
Es hilft mir, mich fundiert mit Themen auseinanderzusetzen und mit meinen Mitarbeitenden ein Zielbild zu erarbeiten. Wir müssen alle wissen und verstehen, wohin die Reise gehen soll. Das bedeutet aus einer Vision geleitet, Fachkompetenzen und Erfahrungen zu verknüpfen. Es bedeutet Mut haben, Neues wagen und gemeinsam eine Zukunftsvorstellung erarbeiten. Daraus lassen sich dann konkrete Schritte ableiten und erklären – nach innen und nach aussen: gegenüber meinen Mitarbeitenden, dem Parlament und vor allem der Bevölkerung.
Sie sagten einmal, am schädlichsten für die eigene Gesundheit sei die Sorge. Davon haben Sie als Gesundheitsdirektor sicher genug …
Es ist entscheidend, wie man es nennt. Für mich sind das keine Sorgen oder Probleme, sondern Aufgaben oder Herausforderungen – Jobs, die ich so gut wie möglich erfüllen möchte. Nebst der Gesundheit verantworte ich u. a. die Bereiche Volkswirtschaft, Wald, Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit, Veterinärwesen oder das KIGA (Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit). Also alles Themen mit hoher Alltagsrelevanz und entsprechend öffentlicher Wirksamkeit. Da ist es wichtig, dass ich auf einer stabilen, guten Zusammenarbeit in meinem Team aufbauen kann – auch in schwierigen Momenten.
Was ist Ihr Geheimrezept zur Bewältigung dieser anspruchsvollen Aufgaben?
Innehalten, zur Ruhe kommen, ist für mich zentral. Ich habe mir vor Jahren angewöhnt, morgens einen Abschnitt aus der Bibel zu lesen, staune immer wieder, wie mich ein so altes Buch Tag für Tag in konkreten Lebenssituationen ermutigt. Ich mache mir auch schriftlich Gedanken über die Aufgaben und Menschen, denen ich im Laufe des Tages begegnen werde. Wie kann ich dazu beitragen, dass es gute Begegnungen und fruchtbare Sitzungen werden? Dieses Ritual, diese Struktur in meinem Leben, hilft mir auf dem Boden zu bleiben. Zudem: In der Rückschau relativiert sich so Manches, das mich im Vorfeld stark beschäftigte. Dies zu erkennen, lässt mich neue grosse Aufgaben leichter und zuversichtlich angehen.
Verraten Sie uns Ihr Erfolgsgeheimnis!
Ich glaube, das ist eine Frage der Authentizität. Bin ich, was ich lebe? Bin ich mit ganzer Kraft und Leidenschaft dabei? Bin ich bereit, mich im Dialog mit anderen führen und neu ausrichten zu lassen? Wenn dies gelingt, setzt das in der politischen und in der Führungsarbeit grosse Kräfte frei. Und, ich muss sicherstellen, dass die Leute mit mir im Widerspruch bleiben, wenn ich gute Entscheidungen treffen will. Professionalität, Erfahrung und Kompetenz meines Teams bilden die Grundlage, Leidenschaft die Kraft.
Kommen wir zu den Prägungen in Ihrem Leben. Sie sind der Sohn eines dänischen DJs und einer Schweizer Tänzerin, die zum Zeitpunkt Ihrer Geburt noch minderjährig war …
In eine schwierige Familiensituation hineingeboren zu werden, in den ersten Jahren kein richtiges Zuhause zu haben – und dann von Pflegeeltern mit zwei eigenen Kindern bedingungslos Annahme und Liebe zu erfahren … das hat mein Leben vermutlich mehr geprägt, als mir lange Zeit bewusst war. Ich darf erleben, dass es das Leben unglaublich gut mit mir meint. Seit 17 Jahren sind auch meine Frau und ich stolze Eltern einer heute 19-jährigen Pflegetochter. Sie darf sich genauso als Teil unserer Familie fühlen wie unsere drei leiblichen Kinder.
«Ich verstehe heute meine Eltern, die in Sorge waren. Der spürbare Rückhalt in meiner Familie ... spielte hier eine grosse Rolle.»
Mit vier Kindern bleibt man auf Trab. Stimmt es, dass Sie in Ihrer Teeniezeit Anfang der 90er-Jahre schwarze Kleidung und Irokesenschnitt trugen?
Ja, das war gesellschaftlich eine spannende Zeit, als es in der ganzen Schweiz Jugendunruhen gab und viele Subkulturen entstanden. Ich habe diese Zeit explizit ausgelebt. In diesen Jahren hatte die Drogenszene am Platzspitz für viele eine hohe Sogwirkung. Trotz aller Flausen blieb ich vor derartigen Erfahrungen bewahrt. Ich verstehe heute meine Eltern, die in Sorge waren. Der spürbare Rückhalt in meiner Familie, trotz gelebtem Widerstand meinerseits, spielte hier eine grosse Rolle. Auch wenn das meine Eltern von mir damals wohl nicht zu spüren bekamen.
«Mich zu entschuldigen, wenn ich falsch liege oder in einer Situation überreagiere, ist mir sehr wichtig.»
Eines Tages begegnete ich Pfarrer Ernst Sieber. Seine Liebe für die Menschen und sein Leben «mit Blick nach oben» haben mich stark beeindruckt und beeinflusst – auch wenn ich damals noch keinen Bezug zu einem Glauben hatte. Unter anderem habe ich mich nach meinem Wirtschaftsstudium für die Arbeit als Streetworker entschieden: Statt für gute Bilanzen und Börsenkurse habe ich mich für junge Menschen und Familien engagiert.
Als frischgebackener Ökonom in die soziale Arbeit zu wechseln, ist ungewöhnlich. Was war die treibende Kraft?
Ich fühlte mich berufen, meine gewonnene Lebensstabilität anderen Menschen weiterzugeben, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Liestal war damals ein Brennpunkt für Gewaltthemen in der Schweiz. Wir standen mit unserer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Skinheadszene und interkulturellen Auseinandersetzungen.
Was mich in jener Zeit faszinierte und bis ins Regierungsamt begleitet: Es geht immer um Menschen. Begegne ich meinem Gegenüber in seiner Würde und mit Wertschätzung? Sind mir sein Leben und seine Anliegen wichtig? Kann ich mich mit mir fremden Haltungen auseinandersetzen? Damals wie heute ist das so. Natürlich spüre ich dabei auch meine Grenzen und ärgere mich zuweilen über mich selbst. Mich zu entschuldigen, wenn ich falsch liege oder in einer Situation überreagiere, ist mir deshalb sehr wichtig.
Finden Sie vor lauter Aufgaben und Terminen noch Zeit für Ihre Familie?
Einen Tag oder zwei Halbtage des Wochenendes halte ich konsequent frei für meine Familie und für mich selbst. Zudem treffe ich mich – nach einem ersten Homeofficeeinsatz – jeden Morgen um halb sieben mit unserer jüngsten Tochter am Küchentisch. Wir lesen in der Bibel und frühstücken zusammen. Bevor ich ins Büro fahre, versorgen wir unsere Tiere (Zwergziegen, Minipigs, Laufenten und Seidenhühner, Anm. d. R.).
Auch der direkte Kontakt mit der Bevölkerung ist Ihnen wichtig …
Sehr. Regelmässig biete ich in einem Bezirk ein Kaffeetreffen für die Bevölkerung an, um mit den Menschen über Themen zu sprechen, die sie bewegen. Das hilft mir zu verstehen, welche Anliegen in der politischen Arbeit erklärt und wie sie angegangen werden müssen. Schon immer habe ich die Nähe zu den Menschen gepflegt. Auch als Regierungsrat möchte ich die Fragen und Ideen der Leute verstehen. Dazu gehört auch, dass ich alle Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern für ein persönliches Gespräch annehme.
«Wenn wir mit Menschen unterwegs sind, prägen wir Leben.»
Ein Wort zum Schluss, bitte!
Wenn wir mit Menschen unterwegs sind, prägen wir Leben. Das können wir als Eltern, Lehrpersonen, Lernende, Nachbarn, Pflegepersonen oder Politiker – egal wo! Für uns alle gilt: Was wir sind und tun, hat Bedeutung für das Leben anderer Menschen. Wir sind relevant!
ZUR PERSON
Thomi Jourdan trat am 1. Juli 2023 sein Amt als Regierungsrat und Vorsteher der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion im Kanton Basel-Landschaft an. Zuvor war er 15 Jahre im Gemeinderat (Exekutive) von Muttenz und davor 8 Jahre im Landrat des Kantons Basel- Landschaft. Jourdan ist ausgebildeter Ökonom und Supervisor mit Führungserfahrung in Wirtschaft und Verwaltung.
THOMI JOURDAN IN DER HOPE-KOCHSHOW
Hier geht es zum Talk mit Thomi Jourdan in voller Länge:
Autor:
Florian Wüthrich, Manuela Herzog
Quelle:
Hope RegioZeitung