Sinn stiftet Zukunft

Thomas Müller
«Ich werde gebraucht»: Das sollen junge Menschen mit einer Einschränkung in der Ausbildung bei «Steinhölzli Bildungswege» spüren. Direktor Thomas Müller aus Aeschi, überzeugt vom Wert sinnstiftender Arbeit, muss selbst eine Leiderfahrung verkraften.

Ein junger Mann mit Autismus sprach zu Beginn kein Wort. Am Ende seiner zweijährigen praktischen Ausbildung im «Steinhölzli» bei Bern war aus ihm ein gesprächiger Zeitgenosse geworden. Später hängte er anderswo einen Abschluss mit Berufsattest an und erlangte letztlich sogar das Fähigkeitszeugnis – also den höchstmöglichen Lehrabschluss. Für Thomas Müller, seit 2013 Leiter der «Steinhölzli Bildungswege», zeigt ein solcher Werdegang exemplarisch, wie ein geschützter Rahmen das Fundament für die Zukunft legen kann. «Im Unterschied zum ersten Arbeitsmarkt erhalten Menschen mit entsprechendem Bedarf bei uns in ihrer Erstausbildung mehr Zeit, Struktur und individuelle Begleitung.» 

Ein anderer Jugendlicher benahm sich zu Beginn seiner Ausbildung «wie ein Kleinkind», erinnert sich Müller. Er habe schon an eine Beendigung der Zusammenarbeit gedacht. Doch dann, im zweiten Lehrjahr, wurde sich der Jugendliche seiner Vorbildrolle bewusst und veröffentlichte für die nachfolgenden Lernenden sogar Tipps in den sozialen Medien.

«Unser Ziel ist, dass unsere Abgängerinnen und Abgänger wenn möglich im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen können.»

Ziel erster Arbeitsmarkt

Solche Entwicklungen mitzuerleben, ist für Thomas Müller die grösste Motivation. Der Heilpädagoge ist zwar nicht mehr gleich nah dran an den Jungen wie früher, als er in einem Kinderheim unterrichtete oder Kinder und Jugendliche mit einer Hörbehinderung während der Schul- und Ausbildungszeit begleitete. In seiner Leitungsfunktion trägt er jedoch wesentlich dazu bei, jungen Erwachsenen mit besonderen Herausforderungen – etwa einer geistigen oder psychischen Einschränkung, Verhaltensauffälligkeiten oder mit Fluchthintergrund – eine Brücke zu schlagen: «Unser Ziel ist, dass unsere Abgängerinnen und Abgänger ein selbstbestimmtes Leben führen und wenn möglich im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen können.»

Dafür entwickelt Müller mit seinen Geschäftsleitungskolleginnen und -kollegen die betriebswirtschaftlich geführte Organisation weiter und leistet viel Netzwerkarbeit, nicht zuletzt angesichts eines zunehmenden Finanzierungsdrucks. Es sei bisweilen eine Gratwanderung, in die Begleitung der jungen Menschen zu investieren und zugleich Einnahmen zu generieren. Er nimmt jedoch viel Unterstützung und eine grosse Offenheit wahr: von Kunden, die im betriebseigenen Restaurant essen, in der Bäckerei oder im Blumenladen einkaufen oder von den Auszubildenden ihre Wohnung reinigen lassen. Ebenso von Unternehmern aus der Privatwirtschaft, die beim «Steinhölzli» Arbeiten in Auftrag geben sowie Praktika und Anschlusslösungen anbieten. Und schliesslich von den Behörden, die sehr gute Partner seien.

Kritisch sieht Thomas Müller einzig ein gewisses Misstrauen gegenüber seiner Institution, nicht genügend arbeitsmarktorientiert zu sein. «Der geschützte Rahmen, den wir bieten, lohnt sich auf lange Sicht und bedeutet nicht, dass es bei uns keinen Druck gibt. Wer in der Küche arbeitet, kann sich nicht von einem persönlichen Problem vereinnahmen lassen, wenn die Kundschaft um 12 Uhr das Mittagessen auf dem Tisch haben möchte.» Der erfahrene Pädagoge sieht dies als positive Herausforderung für die jungen Menschen. So erfahren sie, dass sie gebraucht werden, dass ihre Arbeit Sinn stiftet und anderen Freude bereitet. Der Fokus auf die Arbeit hilft, von den eigenen Problemen abzulenken. Zugleich lernen die Auszubildenden, nicht vorschnell aufzugeben.

«Der geschützte Rahmen lohnt sich auf lange Sicht und bedeutet nicht, dass es bei uns keinen Druck gibt.»

Erfolge feiern und Hoffnung vermitteln

Zentral ist für den Vater dreier erwachsener Kinder die Menschenorientierung: «Wir sehen den Menschen unabhängig von seiner Diagnose und begegnen ihm mit Wertschätzung auf Augenhöhe.» Konkret heisst das, nach Möglichkeit allen eine Chance bieten, ihnen im Alltag eigene Erfolge aufzeigen und die Hoffnung vermitteln, dass sie ihre Ziele erreichen können, wenn sie dranbleiben. Als «Erfolg» auf dem je individuellen Bildungsweg im «Steinhölzli» bezeichnet Müller, wenn die jungen Erwachsenen Selbstwirksamkeit und Sinn in ihrer Arbeit erleben, Sicherheit in ihren fachlichen wie sozialen Kompetenzen gewinnen und einen gesunden Selbstwert aufbauen. Die Institution auf Könizer Boden, die im vergangenen Jahr ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert hat, bietet dafür ein ideales Übungsfeld. Thomas Müller skizziert eindrücklich: «Bei uns müssen ein Autist, der eine klare Struktur braucht, eine Verhaltensoriginelle, die möglichst frei sein will, und der psychisch Herausgeforderte, der seine Bedürfnisse zurückstellen muss, zusammenarbeiten.»

«Da hätte ich die Hoffnung verlieren können, aber das Gegenteil ist passiert.»

Und die Hoffnung? Thomas Müller macht keinen Hehl daraus, dass sie für ihn stark mit seinem christlichen Glauben zusammenhängt – und dass ein persönlich einschneidendes Ereignis ihm auch im Umgang mit den Menschen im konfessionell neutralen «Steinhölzli» dient. «Vor bald einem Jahr erhielt ich eine Krebsdiagnose. Da hätte ich die Hoffnung verlieren können, aber das Gegenteil ist passiert. Die Situation hat mich dankbar gestimmt für mein Leben. Obwohl die Schmerzen und starken Nebenwirkungen der Therapie herausfordernd sind, erlebe ich meinen Glauben als Boden, der trägt, mir Frieden schenkt und aus dem Hoffnung erwächst.» Hoffnung, dass das, was geschieht, keine Sackgasse ist, sondern in eine gute Zukunft führt. Er sei froh um diese Erfahrung, die ihm auch helfe, andere besser zu verstehen, die Schweres durchmachen.

Kein Abschluss ohne Anschluss

Apropos Zukunft, die Zahlen sprechen für sich: Die Abbruchquote im «Steinhölzli» liegt bei weniger als 10 Prozent – verglichen mit rund 20 Prozent im Schweizer Durchschnitt. Fast alle Absolventinnen und Absolventen finden eine Anschlusslösung, wenn auch nicht immer im ersten Arbeitsmarkt. Die eigene Fachstelle für berufliche Integration unterstützt sie bei Praktika, Stellensuche und Übertritt. Damit erfüllt sich Thomas Müllers Wunsch, dass junge Menschen durch sinnvolle Arbeit ganzheitlich gesunden und im Leben vorwärtskommen. Im Sommer 2027 wird er seine Verantwortung für die «Steinhölzli Bildungswege» hoffnungsvoll in neue Hände legen.

ZUR PERSON

Was bringt dich zum Lachen?
Ohne Humor geht gar nichts – deshalb lache ich gerne und viel.

Worüber denkst du oft nach?
Wie kann ich mein Leben noch sinnvoller gestalten.

Was würde uns an dir überraschen?
Ich liebe wilde Achterbahnen und werde demnächst mit meinem Enkel zu der höchsten und längsten Achterbahn der Welt reisen.

Wann gerätst du in einen Flow?
Immer dann, wenn ich etwas gemeinsam mit anderen weiterentwickeln kann.