Das «Buch der Bücher» in der Schule
In Rotterdam geboren, wuchs die Tochter einer Holländerin und eines Schweizers in Südafrika auf. Als Christine Wassmer 14 Jahre alt war, zog die Familie in die Schweiz. Christine lebte lange Zeit in Bern und studierte später in den Niederlanden Englische Sprache und Literatur. Zurück in der Schweiz unterrichtete sie zunächst Erwachsene, danach an Gymnasien in Bern und Zürich. «Ich arbeite gern kreativ und bereichere meinen Sprachunterricht durch Kunst, Musik und Theater», hält Christine fest. Es ist ihr wichtig, alle Ebenen ins Lernen einzubeziehen, nicht nur den Verstand. Sie ist überzeugt, dass die Bibel Bildung für alle und nicht nur für die Elite möglich gemacht hat und erklärt: «Die Bibel ist die Grundlage der englischen Sprache – sie hat sich nach dem Druck grosser Auflagen entwickelt.» Das Volk konnte nun selbst lesen und war nicht mehr auf lateinische Messen angewiesen, die es nicht verstand. «Die Menschen bekamen damit eine Stimme und konnten sich äussern. Shakespeare hat in seinen Werken über 1000 Hinweise auf die Bibel gesetzt», führt die 58-Jährige aus. «Viele unserer guten Werte im Westen gründen auf der Bibel.»
«Viele unserer guten Werte im Westen gründen auf der Bibel.»
«Ihr habt Uhren, wir haben Zeit»
2017 wurde Christine von einem Ehepaar angefragt, ob sie in ihrer kleinen Schule in Ghana eine Lehrerfortbildung durchführen würde. Sie reiste hin und war schockiert: 70 Prozent der Kinder in den riesigen Klassen konnten auch nach jahrelangem Unterricht kaum Englisch lesen. Dazu waren die Lehrmethoden sehr einseitig. Ihr Interesse war geweckt, hier neue Wege aufzuzeigen, doch sie stiess an kulturelle Grenzen: Opferhaltung, Korruption, Mentalität und Denkweisen à la «Wenn wir heute essen können, reicht das – warum an morgen denken?» So stand Christine allein im Klassenzimmer, als um 13 Uhr die erste Fortbildung für Lehrpersonen beginnen sollte. «Ich war bestens vorbereitet, doch niemand kam», erinnert sie sich. Zwei Stunden später hatte sich die Gruppe schliesslich versammelt und der Unterricht konnte beginnen – ganz nach dem Motto «Ihr Schweizer habt Uhren, wir haben Zeit!» Auch die Hitze fordert die Pädagogin immer wieder heraus, doch sie passt sich den örtlichen Gegebenheiten an. Ihre interaktive Art zu dozieren fasziniert die Anwesenden. Christines grosses Anliegen, spielerische Elemente wie Kunst, Musik und Theater in den Unterricht zu integrieren, kann sie auch hier in Westafrika wunderbar umsetzen und so Freude am Lernen wecken.
Lernen mit Mark
Die Schweizerin erarbeitete ein Lehrmittel, das auf dem Markus-Evangelium basiert. Zusammen mit den einheimischen Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern ab der vierten Klasse begann sie, es zu implementieren. Die regionalen Weiterbildungen durch Christine sind von der Erziehungsdirektion in Ghana akkreditiert.
Im Projekt wird jeweils ein ganzes Buch der Bibel gelesen. Anhand der Texte erfolgt eine Überleitung zu anderen Fächern wie Gesellschafts- und Sozialkunde, Religion, Geschichte und Geografie. Der Schlüssel zum Erfolg ist das Lautleseverfahren. Die Kinder lesen zehn Minuten lang im Chor einen Text und tauschen sich im Anschluss gleich lang darüber aus. Welcher Satzteil hat dich berührt? Was fühlst du dabei? Wie könntest du das künstlerisch darstellen?
Schon nach wenigen Monaten erfuhr Christine von den grossen Lesefortschritten der Kinder. Wer bisher geschwiegen hatte, beteiligte sich nun aktiv am Unterricht. Zudem hätten sich die Stimmung in der Schule und das Benehmen der Kinder positiv verändert. Diese Rückmeldung motivierte die engagierte Frau, dranzubleiben. Sie möchte noch vielen Kindern die Freude am Lesen vermitteln und ihnen einen wertschätzenden Umgang miteinander nahebringen.
«Es gibt Schüler, die stehen schon um sieben Uhr morgens vor der Tür, um das gemeinsame Lesen nicht zu verpassen.»
Die Basis stärken
70 Prozent der Bevölkerung von Ghana sind christlich, 20 Prozent muslimisch und zehn Prozent animistisch geprägt. Unabhängig davon steht das Lernprogramm «THE BOOK IN SCHOOL» allen Schulen zur Verfügung. Viele bewerben sich darum. «Es gibt Schüler, die stehen schon um sieben Uhr morgens vor der Tür, um das gemeinsame Lesen nicht zu verpassen», hörte Christine von Schulleitenden. Auch die Absenzen hätten sich reduziert. Jedes Kind erhält jeweils ein eigenes Lehrmittel. Das ist in einem Land, in dem vieles fehlt, nicht selbstverständlich. Bodenschätze wären zwar vorhanden, aber der Gewinn wird nicht so verteilt, dass alle davon profitieren. So fehlt es Schulen an Material – auch hier unterstützt Wassmer. Die Kinder sollen sich kreativ betätigen können, einige bemalten gemeinsam die Wände ihrer Schule. Durch die Lektüre inspiriert, gestalteten sie Szenen, die Hoffnung verbreiten.
Grundlagen schaffen
Anfangs engagierte sich Christine Wassmer ehrenamtlich für das Projekt. Eigene Ressourcen und ihre Herkunftsfamilie ermöglichten dies. Um ein klares juristisches Fundament zu schaffen, gründeten sie 2019 einen Verein. Dank Spenden konnten jedes Jahr mehr Schulen einbezogen und einheimische Mitarbeitende angestellt werden. Sie setzen sich dafür ein, dass Lehrpersonen geschult und viele Klassen beteiligt werden können. «Wir bereiten die Schüler sorgfältig vor und laden sie ein, sich nach einigen Monaten an einem Wettbewerb zu beteiligen.» Das stosse auf grossen Anklang und befähige Tausende von Mädchen und Buben, Englisch lesen und schreiben zu lernen und so Anschluss an weiterführende Bildung zu erhalten. «Wir müssen immer wieder Hindernisse überwinden – aber mit Gottes Hilfe gelingt es», hält Christine fest. Sie ist überzeugt, dass jeder Mensch in Gottes Augen wertvoll ist, und setzt sich mit Herzblut für ihre Sache ein.
«Die Bibel betont die Würde jedes Menschen und Gottes Liebe zu jedem Einzelnen.»
Christine hat damit ihre Berufung gefunden und verbringt rund acht Monate pro Jahr in Ghana, die restliche Zeit des Jahres im Backoffice in Spiez. «Wir müssen Gott in den Unterricht zurückbringen», bekräftigt die engagierte Lehrerin. Die Erfolge in Ghana bestätigen ihr Anliegen. Die Bibel ist für Christine ein lebensspendendes Buch, das mehr vermittelt als Lesen und Schreiben. «Es betont die Würde jedes Menschen und Gottes Liebe zu jedem Einzelnen.»
Seit 2018 konnten 40’000 Schüler sowie 900 Lehrpersonen vom Projekt profitieren. Begeistert erklärt die Nimmermüde: «Im Schuljahr 2026/27 möchten wir rund 50’000 Schülerinnen und Schülern sowie 1200 Lehrpersonen die Teilnahme ermöglichen.»
ZUR PERSON
Was bringt dich zum Lachen?
Menschen, die gewisse Situationen mit Humor relativieren können
Worüber denkst du oft nach?
Über die Menschen, die ich liebe – manchmal weine ich auch ihretwegen
Was würde uns an dir überraschen?
Wohl, dass ich gern boxe
Was möchtest du gern erleben?
Die Wunder und Zeichen, die Jesus getan hat. Er versprach, dass wir Menschen die Hände auflegen können und sie gesund werden.
Wann gerätst du in einen Flow?
Wenn ich tun kann, was ich liebe: schreiben, Filme schneiden, rezitieren, beten und sogar unterrichten. Für mich sind Liebe, Gott und Kreativität untrennbar.