«‹Hurti› gibt es bei mir nicht mehr»
Es ist Hochsommer und Monika Zahler hat Zeit, viel Zeit. Das ist ungewöhnlich. Denn Hochsommer bedeutet für sie und ihre Familie viel und anstrengende Arbeit beim Wildheuen. Seit dem Sommer vor zwei Jahren ist jedoch nichts mehr, wie es einmal war. «Mein Leben ist seither ein komplett anderes», sagt die 35-jährige Mutter von vier Kindern im Schulalter.
Das verflixte Heu
In Wattenwil mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof behütet aufgewachsen, kann sie dem Heuen als Kind gar nichts abgewinnen. Jahre später, inzwischen mit Gideon Zahler aus dem Färmeltal verheiratet, entdeckt die gelernte Gärtnerin darin eine Leidenschaft. Ihren Bergbauernhof auf 1350 Metern über Meer mit Milchwirtschaft und viel Wildheu bewirtschaften sie gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern. So packen auch viele Hände mit an, als Ende Juli 2024 an den steilen Flanken des Färmeltals noch viel Gras zu schneiden ist. Es sei ein schwieriger Sommer gewesen, weil es lange geregnet hatte und danach sehr streng war, erinnert sich Monika. Es ist Samstagnachmittag, schon müde von der Arbeit machen sie sich nach dem Zvieri nochmals auf und fahren den Hang hinauf. «Mein Mann fuhr den Traktor, ich sass hinten auf dem Anhänger. Plötzlich kippte der Traktor im steilen Gelände nach hinten und auf mich.» Sie sieht aus ihrer Position das Unglück nicht kommen, alle anderen können sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Was folgt, ist eine brutal lange halbe Stunde: Das sofortige Bewusstsein, dass sie ihre Beine nicht mehr spürt. Der Gedanke an den Tod. Gemeinsames Gebet. Ruhe und Zuversicht, zu überleben. «Ich weiss noch, dass ich die ganze Zeit gesprochen habe.» Besonders wichtig ist Monika in jenem Moment, dass für die Kinder gesorgt wird und sich niemand die Schuld gibt. «Alle mussten mir versprechen, dass sie meinen Mann nie beschuldigen werden. Es waren unglückliche Umstände und kein Fehler seinerseits; das ist für mich klar.»
«Gott hat alles in der Hand»
Die erste Zeit im Spital bezeichnet die naturverbundene und aktive Frau als die schrecklichste Zeit ihres Lebens: Sie hat enorme Schmerzen, ihr ist oft schlecht und obendrauf plagen sie wiederkehrende Sinnestäuschungen. Sie sieht Gestalten und hat immer wieder das Gefühl, ihr Bett werde herumgeschoben. Dazu kommen Zukunftsängste: «Wie geht es weiter? Was will ich noch – so komplett auf Hilfe angewiesen?» Auch nach der Verlegung ins Paraplegikerzentrum Nottwil geht es Monika psychisch schlecht: «Ich wollte aufgeben.» Weder der Traum einer der Töchter, dass sie wieder gesund wird, noch die Unterstützung durch einen Seelsorger helfen.
«Alle mussten mir versprechen, dass sie meinen Mann nie beschuldigen werden.»
Wie also kommt es, dass Monika Zahler heute Hoffnung und Zuversicht ausstrahlt und ihr «um 180 Grad gewendetes Leben» angenommen zu haben scheint? Sie nennt verschiedene Aspekte, aber einer ist zentral: Nachdem ein Besuch in Nottwil mit ihr gebetet hat, hört sie das Lied «Dy Fride» der Songwriterin Maria Fiechter. Es dreht sich um Gottes Frieden unter allen Umständen und um seine grössere Sicht der Dinge. Dieses Lied bringt die Wende: Die verstörenden Bilder und die Zukunftsängste verschwinden. Stattdessen hält der besungene «Friede, der nur bei Gott zu finden ist», Einzug und schenkt Monika die entlastende Gewissheit: «Gott hat alles in der Hand.»
«Wir verzweifeln nicht!»
Wesentlich ist auch das Umfeld: dass viele Menschen für sie und ihre Familie da waren, es bis heute sind und helfen, wo sie können. «Zu wissen, dass es zuhause läuft, war hilfreich.» Trotzdem trägt ihr Mann in jener Zeit sehr viel. Ausgerechnet er ist es, der ihr mit seinem beharrlichen «Wir verzweifeln nicht!» immer wieder Kraft gibt. Selbstredend ist die Situation auch für die vier Kinder schwierig. Ihnen gegenüber nichts vorzuspielen, sondern ehrlich zu sagen, was Sache ist, ist den Eltern wichtig.
Mindestens einmal pro Woche kommen die fünf zu Besuch an den Sempachersee. Und auch sonst erfährt Monika viel Anteilnahme, so dass sie sich nicht isoliert fühlt, obwohl weit weg von zuhause. Die Freikirche, in der Familie Zahler gut integriert ist, produziert extra einen Livestream, damit sie aus der Ferne an den Gottesdiensten teilnehmen kann.
Dennoch dankbar
Der christliche Glaube, mit dem sie schon aufgewachsen ist, sei seit dem Unfall noch wichtiger, greifbarer geworden. «Er hat mich getragen, als ich nichts mehr im Griff hatte. Ich erlebte Jesus am stärksten, als es mir am schlechtesten ging. Dadurch habe ich die Hoffnung nicht verloren.»
Und Hoffnung braucht Monika – auch zwei Jahre später. Unumwunden gibt sie zu: «Es gibt schwere Tage, besonders im Sommer, wenn alle beim Heuen sind. Das vermisse ich sehr.» Ebenso die Spontanität: «‹Hurti› dieses oder jenes zu tun, geht nicht mehr. Alles muss geplant und abgeklärt sein. Das macht mir nach wie vor Mühe.» Umso dankbarer ist sie für ihre anderen Leidenschaften, Nähen und Basteln, denen sie sich nun vermehrt widmet. «Dass ich meine Hände noch brauchen kann, ist für mich ein sehr hohes Gut.»
«Inzwischen probieren wir lieber aus, was trotz Rollstuhl möglich ist.»
Dankbarkeit ist für Monika ein wichtiger Schlüssel, um gut weiterzuleben. Sie versucht bewusst, das Positive zu sehen. Natürlich wünscht sie sich ein Wunder und hält es für möglich, eines Tages wieder gehen zu können. Aber sie musste lernen, ihre Hoffnung nicht nur darauf zu setzen, sondern das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. «Am Anfang sprach ich mit den Kindern oft darüber, was wir alles tun werden, wenn … Inzwischen probieren wir lieber aus, was trotz Rollstuhl möglich ist.»
«Der Glaube ist kein Märchen, er trägt wirklich.»
«Wozu?» statt «Warum?»
Nie hat sich Monika Zahler die Frage nach dem «Warum» des Unglücks stellen und damit hadern müssen. Vielmehr fragt sie nach dem «Wozu». Sie stelle immer wieder fest – und das sei auch ihr grösster Wunsch –, dass sie anderen Menschen durch ihr Erleben Hoffnung schenken könne: «Der Glaube ist kein Märchen, er trägt wirklich.»
ZUR PERSON
Einer deiner Lieblingsplätze im Färmeltal:
Die Weide, wo unsere Kühe im Herbst und Frühling sind
Deine Lieblingsserie oder dein Lieblingsbuch:
Die Bibel und «Gladys Aylward: Die Frau mit dem Buch»
Welches ist deine Lieblingsjahreszeit:
Herbst
Welche App auf deinem Mobile haben nicht alle:
Möglicherweise die Stallkamera :)