Neues Vertrauen nach schwerem Verlust

Hanni und Jakob Hari
Der tragische Verkehrsunfall in Schweden, durch den Hanni und Jakob Hari beide Söhne verloren, liegt siebeneinhalb Jahre zurück. Sie geben Einblick in ihren Trauerweg, der von Klagen, Weinen und dem Ringen um neue Hoffnung geprägt war.

Von der Bushaltestelle «Adelboden, Mineralquelle» geht’s nur wenige Schritte den steilen Weg hinauf zum Daheim von Hanni und Jakob Hari. Ich nehme jeden Schritt langsam unter die Füsse, nicht wegen der für diesen Sommer typischen Hitze an diesem Augusttag, sondern weil ich mich innerlich auf die Schwere des Weges einstimme, den dieses Ehepaar die letzten Jahre zu bewältigen hatte. Wie viele andere Schweizer erfuhr ich damals im Januar 2019 aus den Medien vom schrecklichen Verkehrsunfall in Nordschweden, bei dem sechs junge Schweizer starben. Fünf von ihnen stammten aus Adelboden. Unter ihnen waren Michael Hari (27) und Joel Hari (25).

«Was sagen die Frommen jetzt?»

Hanni und Jakob erzählen mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs an ihrem Stubentisch von einem Erlebnis unmittelbar nach dem Tod ihrer Söhne: «Wir tranken auf der Engstligenalp einen Kaffee. Da hörten wir, wie am Nachbartisch über den Unfall diskutiert wurde. Plötzlich warf ein Mann die Frage in die Runde: ‹Was sagen jetzt wohl die Frommen über ihren liebenden Gott?› Wir versuchten zu orten, von wem die Aussage stammte, fanden es aber nicht heraus. In der Frage schwang eine verbreitete Annahme mit: ‹Wenn es einen lieben Gott gibt, dann muss es Menschen, die ihm nachfolgen, besser gehen als allen anderen.› Dies war für den Fragesteller durch den Unfall offensichtlich widerlegt worden. Folglich gab es für ihn keinen guten Gott ...» Jakob fühlte sich durch das Erlebnis herausgefordert. Er fragte sich seinerseits: «Kann ich diesem Gott, der so etwas zulässt, auch in Zukunft vertrauen?» Derartige Gedanken würden das Elternpaar weiterhin begleiten, hatte der beschwerliche Weg durch den Schmerz doch eben erst begonnen. Auch für ihre Tochter Leah, die beim Unfall ihre beiden Brüder verlor, brach eine schwierige Zeit an. Eines war Jakob im Kopf jedoch von Anfang an klar: «Wenn Gott uns verschonen würde vor Problemen, würde manch einer Christ werden, ohne in eine Freundschaft mit Jesus investieren zu wollen.»

«Von einem Moment auf den anderen sind meine Mutterträume zerplatzt ...»

(Hanni)

Ein Jahr lang jeden Tag geweint

Für unser Gespräch machen die Haris von Anfang an klar, dass die Tiefe ihrer Betroffenheit und die «Länge des Schmerzes» in diesem Hope-Artikel Platz haben dürfen und sollen. «Bring bitte keine plumpe Botschaft, dass man mit Jesus alles gut hinnehmen kann oder wie rasch wir zu Hoffnung und Lebensfreude zurückgefunden haben. Das würde nicht der Wahrheit entsprechen.» Die Wahrheit ist, dass Hanni und Jakob im ersten Jahr ihres Trauerwegs jeden Morgen geweint und Psalm 23 gebetet haben – natürlich mit besonderer Betonung auf den Worten «… und ob ich schon wanderte im Tal des Todes, bist du bei mir».

Schock am Ski-Weltcup

Wir kehren ganz an den Anfang zurück, zum 12. Januar 2019: Sieben Freunde waren mit einem Minibus in der Region um Kiruna unterwegs. In einer vereisten Kurve kollidierte das Fahrzeug mit einem schweren Eisenerzlastwagen. Ein einziger der sechs Insassen überlebte wie durch ein Wunder. Die schreckliche Nachricht erreichte Adelboden inmitten des Ski-Weltcup-Wochenendes und versetzte die ganze Region in Trauer.

Auch Jakob war mit einem Bücherstand am Anlass, als bei Hanni zwei Polizisten an der Haustür standen. In einem YouTube-Video, das im Herbst 2020 produziert wurde, erzählen die beiden, welche Strategien ihnen halfen, die ersten Tage irgendwie zu überstehen. Hanni fühlte sich beraubt und empfand Gott gegenüber eine riesige Enttäuschung. Sie glaubte, nie wieder froh sein zu können, nie wieder lachen zu können. «Ich hatte mir oft die Zukunft unserer Söhne ausgemalt: Wie werden sie sich beruflich weiterentwickeln, welche Frauen werden sie heiraten, welchen Verlauf wird ihr Leben nehmen? Von einem Moment auf den anderen sind meine Mutterträume geplatzt und werden nie mehr eine Fortsetzung finden.»

«Erst nach Jahren konnte ich wieder aus tiefstem Herzen sagen, dass Gott gut ist.»

(Jakob)

Gefühle hinkten nach

Jakob empfand völliges Unverständnis. Besonders schwer wog für ihn, dass sich beide Söhne so sehr für Gott und den Glauben eingesetzt hatten. Am folgenden Sonntag wurde in der Kirche ein Bibelvers als Erinnerung an die Verstorbenen projiziert: «Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.» Für Jakob war das absolut unpassend. Er dachte frustriert: «Habt ihr euch das überlegt – hielt Gott in diesem Moment seine Hand über sie?» 

Obwohl Jakob schon nach wenigen Wochen wieder regelmässig als Pastor im Einsatz war, rang er persönlich mit biblischen Verheissungen wie etwa «Es wird kein Haar von deinem Kopf fallen, ohne dass der Herr es zulässt.» Diese Spannungen seien noch heute herausfordernd, gibt er zu. «Ich hätte manchmal lieber gesagt, der Unfall sei einfach Zufall gewesen. Aber das lässt sich mit meinem Glauben nicht vereinbaren. Bereits in den ersten Tagen nach dem Verlust entschied ich, dass ich mich nicht über diesen Unfall definieren lassen will. Nein, ich will so fröhlich wie möglich weiterleben.» Von seinem Verstand her habe er auch recht schnell wieder Vertrauen in Gott gefasst. Doch die Gefühle hätten mehr Zeit gebraucht. «Erst nach Jahren konnte ich wieder aus tiefstem Herzen sagen, dass Gott gut ist.»

«Der Himmel ist uns heute viel näher, wir gehen gelassener mit den Sorgen dieser Welt um.»

(Jakob)

Vom «Warum?» zum «Wozu?»

Hanni durchlebte die Trauer emotionaler und brauchte mehr Zeit zum Trauern und Klagen. «Ich war einfach unendlich traurig und glaubte zuerst nicht, dass sich das jemals wieder ändern und ich wieder Freude im Leben finden könnte.» Das Grab sei für sie zu einem wertvollen Ort geworden, weil sie sich dort mit ihren Söhnen verbunden fühle. «Beim Eingang des Friedhofs steht auf einem Schild ‹Ich bin die Auferstehung und das Leben.› Das gibt mir jedes Mal die Gewissheit, dass Michael und Joel bei Jesus leben und wir uns wiedersehen werden. Es tut mir gut, das Grab schön zu gestalten und zu pflegen. Dort vorbeizugehen, ist ein fester Bestandteil in meinem Leben geworden.»

Was ihren Glauben anbelangt, habe Hanni nach einer langen Zeit des Klagens in kleinen Schritten die Perspektive vom «Warum?» hin zum «Wozu?» gewechselt. Auch in ihrer tiefsten Verzweiflung habe sie immer gewusst, wo sie mit ihrer Not und ihrem Schmerz hingehen konnte. «Wenn man so schweres Leid durchmacht, lässt einen das nie dort, wo man war. Entweder kommt man Gott näher oder man entfernt sich von ihm.»

Für Hanni sei immer klar gewesen, dass sie Gott nahebleiben möchte. «Er lässt uns viel Gutes erfahren, aber er führt uns auch durch Erfahrungen, die wir uns nie ausgesucht hätten. Er möchte uns näher zu sich ziehen oder verfolgt eine andere Absicht, die wir im Moment vielleicht noch nicht verstehen.» Gottes Trost und Erbarmen zu erfahren, habe ihr Hoffnung gegeben. «Wenn man kein Licht sieht, ist Gott doch da. Ich habe seine Nähe immer wieder erlebt.» «Das stimmt», pflichtet Jakob seiner Frau bei. «Der Himmel ist uns heute viel näher, wir gehen gelassener mit den Sorgen dieser Welt um.»

«Die Gefahr, dass eine Beziehung in einer solchen Extremsituation Schaden nimmt, ist unglaublich gross.»

(Jakob)

Viele Ehen zerbrechen …

Im Rückblick stellen die Haris dankbar fest, dass sich ihre Beziehungen als tragfähig erwiesen haben: Neben Gott seien ihre Familie und die christliche Gemeinde das wichtigste Auffangnetz für sie gewesen. Sie seien dankbar, dass ihre Ehe die Prüfung bestanden habe, betont Jakob: «Die Gefahr, dass eine Beziehung in einer solchen Extremsituation Schaden nimmt, ist gross. Gemäss Statistiken zerbrechen etwa zwei Drittel der Ehen daran. Wir erlebten ebenfalls viele Spannungen.» Hanni knüpft mit einer Begebenheit um Michaels Taschenmesser an: «Jakob hatte das Taschenmesser in den Container geworfen, aber ich habe es wieder herausgefischt. Erinnerungen in der Nähe zu haben, gab mir Halt, während mein Mann Gegenstände lieber verstecken oder wegwerfen wollte.»

«Erinnerungen in der Nähe zu haben, gab mir Halt, während mein Mann Gegenstände lieber verstecken oder wegwerfen wollte.»

(Hanni)

Sie habe sich manchmal allein gefühlt, weil sowohl ihr Ehemann als auch ihre Tochter Leah rationaler trauerten. «Gemeinsam Erinnerungsorte und -wege abzulaufen oder zu besuchen, verhalf uns zum gegenseitigen Verständnis füreinander. Ein hilfreicher Meilenstein war die gemeinsame Suche eines Grabsteines, die Gestaltung der Inschrift und die Bepflanzung. Wir haben gelernt die gegenseitigen Bedürfnisse ernst zu nehmen und einander darin entgegenzukommen.» Überhaupt hätten sie neu entdeckt, wie wichtig gemeinsame Aktivitäten sind. «Der Unfall geschah kurz vor meinem 60. Geburtstag», blickt Jakob zurück. «Inzwischen bin ich pensioniert. Umso wichtiger ist jetzt, dass wir in unsere Gemeinsamkeiten investieren!»

«Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmals so viel Freude im Leben finden könnte!»

(Hanni)

Enkelkinder bringen Freude zurück

Hanni und Jakob mussten darauf achten, dass die Trauer nicht zuviel Raum einnahm. «Wir wollten auch für Leah und ihren Mann da sein, obwohl uns das in unserem Schmerz, besonders in der ersten Zeit der Trauer nicht immer gut gelang.» Neue Hoffnung keimte auf, als die Tochter mit Zwillingen schwanger war. Mahela und Samuel, denen zwei Jahre später noch Simea folgte, hätten sie neu aufleben lassen. Besonders Hanni erfüllte es mit neuer Freude, ihre Tochter, ihren Schwiegersohn und die drei Enkelkinder zu sehen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich nochmals so viel Freude im Leben finden könnte!» 

Jakobs Freude speist sich nebst dem Grossvaterglück weiterhin aus der Hoffnung des Glaubens, an der er bewusst festhält und aus der er Kraft schöpft: «Es gibt viele irdische Hoffnungen, die wir irgendwann aufgeben müssen, aber die Hoffnung auf ein ewiges Leben, zu dem uns Jesus Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg gebahnt hat, trägt durch alles hindurch.» Hanni hat nach einer langen Klagezeit ebenfalls wieder Mut gefasst und bricht auf zu Neuem. Erstmals nach langer Zeit werden die beiden an der Talk-Reihe «ungeschminkt. echt. ehrlich. erlebt» der Freikirchen in Huttwil auftreten. Für Hanni als gebürtige Emmentalerin ist das eine Herzensangelegenheit: «Als geborene Dürrenrotherin ist es mein Wunsch, dass Menschen in dieser Gegend ermutigt werden, bei Jesus Christus Halt zu suchen und die Zeit auf der Erde zu nutzen, sich für die Ewigkeit vorzubereiten.» 

Dieser Brief von Haris wurde auf amazingplace.ch/adelboden publiziert (Dezember 2019):

Lieber Michael, lieber Joel

Jäh seid ihr zusammen mit Freunden aus unserem Leben weggerissen worden. Die Trennung ist für dieses Leben endgültig, die Lücke durch nichts zu ersetzen! Der Schmerz gross und tief.

Ewigkeit. Als ihr nach Schweden unterwegs gewesen seid, habt ihr manches zusammen unternommen. Mit Schneeschuhen, Skis, Kites, Sauna, Motorsäge zum Eisbaden und Fischerrute seid ihr losgefahren. In euren Andachten habt ihr euch mit dem Thema Ewigkeit beschäftigt. Niemand hat wohl geahnt, wie schnell sie für euch anbrechen wird. Eure letzte Bitte an uns war: Lest das Buch: «Sterne leuchten in der Nacht. Gott im Leiden lieben lernen». Seither sind wir nun daran, diesem Gott, der unser Vater ist, das Vertrauen nicht zu entziehen. Wie froh waren wir, diesen Gott schon vorher gekannt zu haben und nun in ihm Zuflucht zu finden.

Die Bibel lesen. Wenn wir die Bibel lesen, merken wir immer wieder: Sie spricht genau in unsere Situation. Immer wieder wird klar: Wir sind hier auf der Erde um zu entscheiden wo wir die Ewigkeit zubringen wollen. Ob wir Gott unser Vertrauen (Glauben) schenken, ihn allein verehren – oder ob wir von Gott nichts wissen wollen. Viele Geschichten und Texte lassen uns gar einen Blick in jene unsichtbare Welt tun oder zeigen uns wie Menschen, die mit Gott gelebt haben, mit ähnlichen Nöten umgegangen sind.

Gott kennt das Leid. Unglaublich: Gott kommt in seinem Sohn Jesus selbst in seine Schöpfung und stirbt dort stellvertretend für uns, damit wir durch ihn ewiges Leben erhalten. Das hilft uns, diesem Gott zu vertrauen.

Lieber Michael und Joel, ihr habt diesen Jesus als Herrn angenommen. Es war euer Anliegen, euren Glauben zu bezeugen und andere Menschen zu ermutigen, diesem Jesus Vertrauen zu schenken. Dass euch Gott schon so jung zu sich genommen hat, verstehen wir nicht. Weil Gott versprochen hat, uns nie zu verlassen, wissen wir, dass er auch in diesem Unglück zugegen war. Gleicherweise ist er auch bei uns, bis zum Wiedersehen!

Eure Eltern
Adelboden, den 31. Dezember 2019

Hier geht's zum Video mit Jakob und Hanni Hari:

«Ungeschminkt» – Talk-Abend mit Tiefgang!
Haris sind am 30. Oktober um 20 Uhr zu Gast in Huttwil im Restaurant Guter Hirte.

Autor: Florian Wüthrich
Quelle: Hope