Zwischen Distanz und Empathie

Lukas Ninck (Mitte) im Interview mit einem Spieler der Schweizer Nati
Seit 2021 begleitet Lukas Ninck als SRF-Sportreporter die Schweizer Nationalmannschaft, hat viele Hochs und Tiefs miterlebt. Vor der Kamera zu stehen und mit Nervosität umzugehen, forderte ihn am Anfang heraus.

«Siege sind deswegen so schön, weil sich Niederlagen bitter anfühlen», sagt Lukas Ninck, SRF-Sportreporter. Bitter ist auch die Niederlage der Schweizer Nationalmannschaft im Olympia-Viertelfinal gegen Finnland. Bis zur 54. Minute führten die Eisgenossen mit 2:0. Es wäre der allererste Vorstoss ins Olympia-Halbfinal gewesen. Die Finnen glichen innert weniger Minuten aus und gewannen in der Verlängerung. Ninck war hautnah dabei. Er ist für die Interviews vor, während und nach dem Spiel verantwortlich. «In solchen Momenten drücken auch bei mir die Emotionen durch, andernfalls müsste ich den Job wechseln.»

Für ihn sind die Sportler die Stars. Sie schreiben die Geschichten – er darf sie erzählen. Wie findet der Reporter in solchen Momenten die richtigen Worte? «Es ist eine Kombination aus Vorbereitung und einem empathischen sowie respektvollen Umgang mit dem Athleten», erzählt Ninck und betont, dass er dabei nicht allein sei. «Wir machen uns als Team Gedanken, diskutieren und werten dann gemeinsam aus.» Vorgängig steckt Ninck stundenweise Arbeit hinein, um den richtigen Ton zu finden und mögliche Fragen passend zu formulieren. Solche Momente, in denen so viele Werte beim Sportler durchdrücken und Masken fallen, sind für ihn die grosse Faszination des Sports. Er führt weiter aus: «Mir ist sehr bewusst, wie viel harte Arbeit ein Sportler in den Tag X investiert. Dann braucht er nicht noch jemanden, der kommt und blöde Fragen stellt.»

Fokussiert und werteorientiert

Seit 2021 begleitet Lukas Ninck die Schweizer Nationalmannschaft an Testspiele und Grossanlässe. Seinen Geburtstag feiert der 42-Jährige stets während der Weltmeisterschaft. Er beschreibt die Nati als fokussiert, bodenständig und wertetreu. Deren ehemaligen Trainer Patrick Fischer erlebt Ninck stets als sehr «erfrischend». Fischer war zehn Jahre im Dienst und wurde aufgrund grossen Drucks wegen Fälschung eines Covid-Zertifikats Mitte April entlassen. Ein Entscheid, der die Gemüter erhitzte und in zwei Lager spaltete.

Auch Lukas Ninck war gefordert, Fischers Fehltritt vor der Kamera einzuordnen. Der TV-Reporter freut sich auf seinen Beitrag an der Heim‑WM. Bereits 2009 erlebte er ein Turnier als Zuschauer hautnah. «Ich sass auf der Tribüne in Bern, als die Schweiz gegen Deutschland in der Hinrunde spielte und gewann», erinnert er sich. Ursprünglich hätte die Weltmeisterschaft bereits 2020 stattfinden sollen, sie fiel jedoch der Corona‑Pandemie zum Opfer. Rückblickend sieht er darin auch einen Vorteil, denn die Nationalmannschaft habe seither an Reife gewonnen. «Beeindruckend finde ich, wie sie sich nach Rückschlägen zurückkämpfen – jetzt kommt die Meisterprüfung», hält er fest. Mit Rückschlägen meint er die verletzungsbedingten Ausfälle wichtiger Leistungsträger, etwa von Nico Hischier an der letztjährigen Weltmeisterschaft oder von Kevin Fiala an den Olympischen Spielen.

Offenheit, die berührte

Apropos Kevin Fiala: Da kommen Lukas Ninck gleich zwei unvergessliche Situationen in den Sinn. An der Weltmeisterschaft in Riga organisierte man eine grosse Medienkonferenz für den NHL-Star, was eher unüblich ist. Wenig später, beim Turnier in Herning, traf Fiala verspätet ein. In den Medien wurde gerätselt, weshalb er erst später dazustiess. Im ersten Interview sprach Fiala dann offen über die Fehlgeburt seiner Frau. «Ich habe noch heute Gänsehaut, wenn ich an dieses Interview zurückdenke. In diesem Moment wusste ich nicht, wie ich auf eine solche Offenheit reagieren soll», erzählt Ninck. Es war eines der prägendsten Interviews seiner Laufbahn. «In diesem Moment bist du nicht Journalist, sondern Mensch.»

«In diesem Moment bist du nicht Journalist, sondern Mensch.»

«Kopf-gegen-Bauch-Entscheid»

Seine ersten Schritte als Journalist machte der Berner 2010 bei TeleBärn. Zuvor studierte er Sportwissenschaften an der Universität Bern und arbeitete als Sportlehrer. Sport war immer ein zentraler Bestandteil in seinem Leben. Er wuchs in einer sportlichen Familie in Kirchdorf bei Bern ohne Fernseher auf. Eines Tages kam das Angebot vonTeleBärn. «Es war ein ‹Kopf-gegen-Bauch-Entscheid›. Die Leidenschaft für das Fernsehen und Erzählen von Geschichten war von Anfang an da», sagt Lukas Ninck. Schlussendlich entschied er sich, wofür sein Herz brannte. «Diesen Entscheid habe ich bis heute nicht bereut. Sportlehrer ist ein Traumjob, doch das, was ich heute mache, macht mich sehr glücklich.»

«Die Leidenschaft für das Fernsehen und Erzählen von Geschichten war von Anfang an da.»

Seit Herbst 2018 arbeitet Ninck zu 80 Prozent für SRF Sport. Daneben steht er regelmässig auf Bühnen und gibt Kommunikationstrainings. «Menschen weiterzubringen und sie dabei zu unterstützen, ihr volles Potenzial zu entfalten, erfüllt mich sehr», sagt er. Diesen Weg musste er sich jedoch erst erarbeiten. Lange Zeit habe er sich selbst nicht als Naturtalent vor der Kamera gesehen. «Ich war am Anfang oft brutal nervös», erinnert sich Ninck. Coaching war für Ninck unter anderem ein Weg, sich selbst besser zu reflektieren. «Ich habe nicht den Eindruck, dass ich bereits die beste Sendung oder die besten Fragen hinter mir habe. Das treibt mich an», sagt er. Heute begleiten ihn vor jedem Einsatz eine gesunde Anspannung und Respekt vor der Aufgabe. «Das Team hilft und gibt einem das Gefühl, nicht allein zu sein.»

«Der Glaube hilft, dass das Leben sich nicht nur um einen selbst dreht. Es gibt jemanden, der grösser ist.»

Dieses Gefühl trägt ihn auch in seinem familiären Umfeld. Dort findet er Rückhalt und Stärke. Der Reporter ist verheiratet, Vater eines Sohnes und lebt heute in Zürich. «Die Familie macht es überhaupt möglich, dass ich einen Job ausüben kann, bei dem ich sehr viel unterwegs bin», sagt er. Die Leidenschaft für seine Arbeit und sein christlicher Glaube sind für Ninck zentral. «Der Glaube hilft, dass sich das Leben nicht nur um einen selbst dreht. Es gibt jemanden, der grösser ist.»

Mit Blick auf die Zukunft zählt für ihn vor allem der Moment. Aktuell sei er sehr glücklich. Eine langjährige Karriereplanung verfolge er nicht. «Ich hoffe, ich kann weiterhin jeden Tag das machen, was mir Freude bereitet.»

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Autor: Nora Baumgartner
Quelle: Hope