Zu wenig Wald für zwei Hirsche

Daniel Rakeseder
Daniel Rakeseder ist Hotelier aus Leidenschaft. Auch Gäste mit besonderen Bedürfnissen fühlen sich im Hotel Seebüel Davos willkommen. Daniel und Caroline Rakeseder liegen Würde und Wohl aller Menschen am Herzen – dies fängt bei den Mitarbeitenden an.

Auf der Terrasse mit Aussicht auf den See geniessen Gäste die hausgemachten Köstlichkeiten des Hotels Seebüel. Nur ein paar Schritte trennen vom Rundweg, die Aussicht auf die verschneiten Berge ist atemberaubend. «Hier bleiben wir», fanden Daniel Rakeseder und seine Frau Caroline, als sie vor sieben Jahren die Leitung des Hotels übernahmen. Die beiden haben sich während der Ausbildung in der Gastronomie kennengelernt, 1991 geheiratet und anschliessend in verschiedenen Häusern der Schweiz gearbeitet. Als 1994 das erste ihrer vier Kinder geboren wurde, entschied das Paar, dass Caroline sich voll als Mutter und Hausfrau engagieren und er die Familie finanziell versorgen würde. Die unregelmässigen Arbeitszeiten in der Hotellerie belasteten die wachsende Familie. Daher wechselte Daniel in die Systemgastronomie der Migros-Restaurants und gehörte von 2000 bis 2009 zum Leitungsteam. 

«Weshalb sollte ich auf den Glauben als zusätzliche Ressource verzichten?»

Jass-Runde mit Folgen

Die Familie lebte damals in Dürnten ZH. Hier freundete sich das Paar mit Ruth und Daniel Von Tobel an. Sie begannen, regelmässig miteinander zu jassen, tauschten dabei nicht nur über die beste Spieltechnik, sondern auch über Lebens- und Glaubensfragen aus. Man verbrachte viel Zeit miteinander, reiste gemeinsam in die Ferien. Von Tobels unterstützten Caroline und Daniel während der vierten Schwangerschaft, wurden Vertraute für alle Kinder. Sie luden ihre Freunde zu einem Brunch in ihre Freikirche ein. So erfuhren Rakeseders mehr über die persönliche Beziehung zum Schöpfergott. Schliesslich entschied Daniel: «Weshalb sollte ich auf den Glauben als zusätzliche Ressource verzichten?» Auch Caroline sah das so – seither leben sie als Nachfolger von Jesus Christus und beziehen seine Führung in ihr Familien- und Berufsleben ein. 2009 übernahmen sie gemeinsam das Hotel Scesaplana in Seewis. Es ist wie das Hotel Seebüel Mitglied des Verbands Christlicher Hotels VCH. Auch das Seebüel wird professionell geführt und bietet ein zusätzliches spirituelles Angebot. So liegt an der Rezeption jeden Morgen ein kurzer besinnlicher Text auf. Zudem findet sich dort eine Auswahl an Karten, Büchern und Zeitschriften mit christlichem Inhalt.

Höhere Berufsprüfung und Hilfskoch

Der gemeinsame Glaube verbindet die beiden Leitertypen Daniel und Caroline. Doch er gleicht nicht alle Unterschiede aus. «Wir waren beide gewohnt, zu entscheiden und selbstständig zu handeln – Caroline in der Familie, ich im Hotel. Nun mussten wir uns dauernd absprechen, doch da war zu wenig Wald für zwei Hirsche …», gesteht der 60-Jährige. Seine Frau holte als Hauswirtschafterin die höhere Berufsprüfung nach und arbeitete Teilzeit als Berufskundelehrerin im Internat Regina in Interlaken. Alle fünf Wochen werden hier 150 Jugendliche im Rahmen ihrer Berufsausbildung für einen Blockkurs einquartiert.

«Wir waren beide gewohnt, zu entscheiden und selbstständig zu handeln – Caroline in der Familie, ich im Hotel.»

Als das Hotel Scesaplana nach sechs Jahren verkauft wurde, wohnte die Familie weiter im eigenen Haus in Seewis. Im Sommer 2015 wurde Daniel arbeitslos. Kurz darauf trat er die Internatsleitung des Schulhotels Regina in Interlaken an. Er führte das Internat bis Sommer 2018. Es folgten neun Monate Arbeitssuche, in denen er kurzzeitig als Hilfskoch bei Hotelier-Kollegen einsprang. Dabei war er sich nicht zu schade, Pfannen zu schrubben und als Kellerbursche Schachteln mit gefrorenen Pommes ins Untergeschoss zu tragen. In dieser Zeit lernte Daniel das Hotel Seebüel in Davos kennen und erfuhr, dass ein neuer Betriebsleiter gesucht wurde. «Ich hatte dort ausgeholfen, kannte das Haus und bewarb mich um den Posten», blickt er zurück. Im April 2019 wurde er als neuer Leiter des Hotels Seebüel willkommen geheissen. Caroline ist mit ihrem grossen Fachwissen für den Bereich Hauswirtschaft mitverantwortlich und springt bei Engpässen ein. So stimmt es für beide. 

Keine Hindernisse

Eine Bushaltestelle direkt beim Haus, Rampen, ein Lift, eine ausgezeichnete Küche und langjähriges Personal ermöglichen Entspannung und Abwechslung im schön gelegenen Hotel direkt am See. Das barrierefreie Seebüel darf auf viele Stammgäste zählen, etliche Kirchgemeinden buchen ihre Senioren- und Gemeindeferien. Wenn Gruppen von Gästen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen in die Ferien kommen, bedeutet dies einen Mehraufwand für das Personal. Doch dieser wird sehr gern erbracht, auch wenn es dann im Speisesaal etwas lauter und oft lustig zugeht. In der Regel tolerieren und schätzen dies auch die anderen Gäste. «Gott nimmt mich an – mit meinen Ecken und Kanten. Deshalb sind bei uns alle willkommen, auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen», erklärt Daniel. Morgens liest er jeweils eine heitere oder besinnliche Kurzgeschichte vor. Die Geniesser des Frühstücksbuffets freuen sich darüber.

Vorausschauend planen

Der erfahrene Hotelier stellt die Dienstpläne so auf, dass er sein Personal in der Neben- und Zwischensaison aufgrund weniger Buchungen nicht für einige Wochen entlassen muss. Dies sei in der saisonal geprägten Gastrobranche üblich: «Die Mitarbeitenden müssen dann zum RAV, anschliessend stellen die gleichen Arbeitgeber sie wieder ein.» Das wolle er nicht, lieber suche er nach Alternativen, um seine Leute zu beschäftigen: «Diese soziale Verantwortung an die Gesellschaft abzugeben, finde ich nicht richtig.» So besteht zum Beispiel für die Nebensaison eine langjährige Zusammenarbeit mit der Organisation Jugend + Sport. Sie führt regelmässig Schneesportleiter-Ausbildungen in Davos durch und nutzt das Hotel Seebüel in den Randzeiten als Unterkunft. «Damit können wir den Betrieb länger offenhalten und unsere Mitarbeitenden auch in flaueren Zeiten beschäftigen», freut sich Daniel. Sein Team dankt ihm diesen Einsatz durch langjährige Treue. Nicht immer gelingt die Zusammenarbeit. Wenn jemand nach wiederholter Aufforderung seine Leistung nicht erbringe, könne die Kündigung der nötige Anschub sein, etwas an seiner Arbeitsbereitschaft zu verändern, findet der Hotelmanager. «Manchmal ist es einfach nötig, so ungern ich das mache.»

«Meine Aufgabe ist, dort mein Bestes zu geben, wo Gott mich hinstellt.»

Das Beste für die Gäste

Bis zur Pensionierung in fünf Jahren möchte das Paar im Seebüel Gäste empfangen. Die Kinder sind ausgeflogen, eine Tochter ist in die Systemgastronomie eingestiegen. Dankbar und zuversichtlich blickt Daniel in die Zukunft: «Ich freue mich auf alles, was noch kommt. Meine Aufgabe ist, dort mein Bestes zu geben, wo Gott mich hinstellt.»

Autor: Mirjam Fisch
Quelle: Hope Schweiz