Der Kampf um die Seele Venezuelas

Was geschieht mit Venezuela?
Venezuela ist ein wunderbares Land – und am Scheideweg. «Um seine Krise zu verstehen, müssen wir hinter die Politik oder die Wirtschaft sehen», sagt ein erfahrener Analyst, der Venezolaner Wolfgang Fernandez.

Wolfgang Fernandez lebt in den USA. Der ehemalige Vizepräsident von DAWN (Discipling a Whole Nation) setzt sich mit seiner Agentur «Next Step» seit Jahren intensiv für seine Heimat Venezuela ein und steht mit führenden geistlichen Leitern des Landes in Verbindung. Seine Einschätzung der Situation bringt weniger beachtete Faktoren ans Licht, die zum Verständnis helfen können.

Der spirituelle Hintergrund

Fernandez beschreibt eine Dimension, die «Gläubigen in den USA weithin unbekannt ist: der bewusste Gebrauch von Spiritualität als politisches Machtinstrument». «Im heutigen Venezuela toleriert die Diktatur nicht nur eine Spiritualität, die in der kubanischen Santería und okkulten Praktiken verwurzelt ist, sondern fördert sie aktiv», so Fernandez. «Diese Spiritualität wird nicht als Folklore präsentiert, sondern als Quelle des Schutzes, der Macht und der Legitimität – in offenem Widerspruch zum christlichen Glauben.»

Die Santería (spanisch, zumeist mit «Weg der Heiligen» übersetzt) ist eine synkretistische, afroamerikanische Hauptreligion in Kuba, die ihre Orishas (Götter der Yoruba) mit katholischen Heiligen (spanisch «santos») vermischt. Diese Praxis wurde zusammen mit politischen und militärischen Beratern, aber auch Tausenden von Ärzten aus Kuba importiert. «Fidel Castro wandte sich offen der Santería zu, um seine Autorität spirituell zu legitimieren. Hugo Chávez importierte diese Verschmelzung von Politik, Mystik und Hexerei nach Venezuela – ein Erbe, das bis heute fortbesteht», so Fernandez. Ex-Präsident Maduro schwor bei seiner letzten Einsetzung im Januar 2025 bei Santeria-Gottheiten. «Es gibt öffentliche Rituale, Symbole und Stätten, die für diese Praktiken als heilig gelten. Altäre und rituelle Gegenstände finden sich verbreitet in strategischen Regierungsräumen.»

Die Situation der Kirche

Wolfgang Fernandez

«Die evangelische Kirche Venezuelas ist verwundet und geschwächt», fährt Fernandez fort. «Viele Pastoren sind geflohen. Andere bleiben aus Treue, Angst oder um zu überleben. Einige haben sich dem System angeschlossen, um Schutz oder Vorteile zu erhalten.» Aber es gebe einen treuen Rest, der – oft ausserhalb institutioneller Strukturen – seinen Glauben gemeinschaftlich, einfach und mutig lebt. Mit diesen Gläubigen arbeitet Fernandez zusammen.

Der Wendepunkt – und ein grosses Aber

Ein Wendepunkt kam am 3. Januar 2026, als US-Streitkräfte Nicolás Maduro und seine Ehefrau in Caracas festnahmen und sie in die Vereinigten Staaten überstellten, wo sie sich nun vor Gericht verantworten müssen. «Dieses Ereignis markierte einen geopolitischen Bruch für Venezuela und Lateinamerika. In geistlicher Hinsicht zeigte sich, dass ein scheinbar unerschütterliches Regime verwundbar war.» Doch Fernandez warnt: «Wenn unterdrückerische Systeme geschwächt, aber nicht in ihren Grundlagen verändert werden, reorganisieren sie sich – oft in noch härterer Form.»

Ganzheitliche Schritte nötig

Darum dürfe es keine einseitigen Lösungen geben: «Der Kampf, der vor uns liegt, ist nicht `nur` geistlich oder `nur` politisch. Es muss ganzheitlich sein: Gebet verbunden mit öffentlicher Verantwortung, Gerechtigkeit, sozialem Wiederaufbau und Engagement für das Gemeinwohl.»

Er bringt ein Beispiel: «Während der argentinischen Erweckungsbewegung in den 1990er Jahren waren die Kirchen voll und der geistliche Hunger war offensichtlich. Als ich jedoch Jahre später zurückkehrte, war davon wenig übriggeblieben. Die Lektion war schmerzhaft, aber klar: Geistliche Intensität ohne strukturelle Veränderung kann nicht von Dauer sein. Ohne Gerechtigkeit und Engagement für das Gemeinwohl verblasst die Erweckung.»

Das biblische Bild für die ganzheitliche Veränderung ist das Reich Gottes. «Das Reich Gottes drückt sich in konkreter Freiheit aus: Freiheit von Angst und Unterdrückung, Freiheit, Kinder ohne Indoktrination zu erziehen, Freiheit, zu sprechen, zu arbeiten und in Würde zu leben.»

Diese Vision ermögliche auch den Dialog mit nichtreligiösen Kreisen, die sich nach ethischem Wiederaufbau und sozialer Erneuerung sehnen. Fernandez und «Next Step» unterrichten geistliche Leiter darum nicht nur in biblischen Fragen, sondern «auch in gemeinschaftlichem Unternehmertum. Firmen und Unternehmen wurden zu Treffpunkten, Treffpunkte wurden zu Gemeinschaften, Gemeinschaften wurden zu lebendigen Kirchen.» Er arbeitet jetzt auch mit Universitäten zusammen, «um Fachkräfte auszubilden, die sich für Wahrheit, Würde und soziale Verantwortung einsetzen».

Das Land brauche eine geistliche Erneuerung, die sich in konkreten Aufbauschritten ausdrückt: «Was in Venezuela geschieht, ist so real wie Armeen und Waffen – aber viel tiefgreifender. Es ist ein anhaltender geistlicher und struktureller Kampf.»

Zum Thema:
An der Weggabelung: Wie geht es weiter in Venezuela? 
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Shanea Strachen: Der Name Jesus hat Macht über das Okkulte 

Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Wolfgang Fernandez / Evangelical Focus

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