Das Jesus-Geheimnis

Welches Geheimnis verbirgt sich hinter Paulus Worten? (Symbolbild)
Wenn Paulus von Jesus erzählt, gerät er ins Schwärmen. Aber er legt auch den Finger auf die Lippen und meint: «Ich muss dir mal ein Geheimnis verraten…»

Dass es nicht so ohne ist, ein Geheimnis zu verraten, musste Edward Snowden 2013 erfahren. Nach seinen Enthüllungen über Geheimdienstpraktiken floh er aus den USA. Er bekam zwar zahlreiche Preise und Ehrungen für seine Veröffentlichungen, aber um der Strafverfolgung zu entgehen, lebt er bis heute in Moskau. Er wusste vorher, dass er Schwierigkeiten bekommen könnte – dass sie so gross werden würden, hatte er nicht erwartet.

Im Neuen Testament begeht Paulus einen Geheimnisverrat der anderen Art. Er erklärt Timotheus in seinem Brief Geheimnisse rund um Jesus. Trotzdem wird er dadurch nicht zum Whistleblower, denn diese Veröffentlichung ist gewollt und hat seitdem die Welt verändert. Ein Vers steht in besonderer Weise für diese Enthüllung: «Anerkannt gross ist das Geheimnis der Gottesfurcht: Gott ist geoffenbart worden im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, verkündigt unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.» (1. Timotheus, Kapitel 3, Vers 16)

Ein Geheimnis muss nicht spooky sein

Wenn Glaube sich mit Geheimnis mischt, dann hat das oft einen übersinnlichen, mystischen Touch. Aber Paulus öffnet hier nicht die X-Akten für Timotheus, stattdessen spricht er etwas an, das im damaligen Kontext alle kannten: ein mysterion. Im griechischen Umfeld waren Geheimgesellschaften weit verbreitet. Dort kam man nicht einfach so herein, sondern man musste zugelassen werden – und dafür musste man sich verpflichten, all das geheim zu halten, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging (Arkandisziplin). Allgemein galt: Je mehr Geheimnisse eine Religion hatte, desto höher stieg sie in der Wertschätzung.

In diese Situation hinein feiert Paulus das Enthüllen von Geheimnissen. Geheim sind sie nur in dem Sinne, dass wir nicht von selbst darauf kommen, sondern so etwas wie «Offenbarung» brauchen, um sie zu erkennen. In keinem Fall sind es Infos, die nur für einen kleinen Club an Insidern gedacht sind. Offensichtlich hat Gott Freude daran, seine Geheimnisse auszuplaudern, sie öffentlich zu machen. Trotzdem bleibt dabei ein Geheimnis-Rest: Niemand versteht alles. Daran können wir verzweifeln, wenn wir das Leid der Welt nicht verstehen, oder wir können es mit den Mystikern feiern, dass Gott «der ganz Andere» ist, wie ihn der Theologe Karl Barth nannte.

Enthüllte Geheimnisse haben Auswirkungen

Welche Geheimnisse enthüllt und erklärt Paulus hier? Und wie helfen sie uns dabei, unseren Glauben zu leben? Auf den ersten Blick ist es eine seltsame Mischung:

  • Christus erscheint als Mensch.
  • Er wird als gerecht beschrieben.
  • Die Engel haben ihn gesehen.
  • Seine Botschaft wird allen Menschen verkündet.
  • Überall wird diese Nachricht geglaubt.
  • Christus selbst ist in Gottes Herrlichkeit aufgenommen worden.

Christus erscheint als Mensch

Was heute selbstverständlich klingt, war es damals nicht: Gott wird Mensch. Er kommt nicht im feurigen Wagen als Himmelswesen vorbeigefahren, sondern wird einer von uns: trägt Windeln, muss arbeiten, hat Hunger, lacht und weint. Doch bis heute ist es etwas Besonderes, dass wir Gott erkennen, wenn wir den Menschen Jesus sehen. Der Evangelist Arno Backhaus fordert Christen deshalb dazu auf: «Mach’s wie Gott: Werde Mensch!»

Er wird als gerecht beschrieben

Christus wird nicht nur als Mensch, sondern als gerecht beschrieben. Das ist sein eigentliches Wesen. Wer nach Israel reist, besucht wahrscheinlich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Dort werden uns die sogenannten «Gerechten unter den Völkern» vorgestellt. 27’000 Männer und Frauen, die nachweislich Juden vor dem Tod gerettet haben. Sieht man ihnen das an? Haben sie ein besonderes Leuchten in den Augen? Nein, was sie gerecht macht, sind ihre inneren Werte, die sie auch gelebt haben. Sie haben sich die Frage gestellt «Wer bist du, wenn keiner hinschaut?» und haben dann gerecht gehandelt.

Die Engel haben ihn gesehen

Tatsächlich sind wir Menschen nicht die Einzigen, die Offenbarung brauchen. Scheinbar konnte niemand vorhersehen, dass Gott die ganze Welt durch Jesus retten würde. Petrus betont in seinem ersten Brief deshalb, dass sogar «die Engel [in diese gute Nachricht] hineinzuschauen begehren». 

Seine Botschaft wird allen Menschen verkündet

Das ist ein Schlag ins Gesicht des griechischen Religionsverständnisses: Alle dürfen rein. Jeder weiss Bescheid. Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt, weil die Gute Nachricht überall verkündet wird. Gott denkt nicht in Grenzen, sondern liebt die Menschen. Alle. Sogar uns.

Überall wird diese Nachricht geglaubt

Das scheint tatsächlich ein Geheimnis zu sein. Denn die Wahrheit ist doch, dass der christliche Glaube von Beginn an bis heute verfolgt wurde. Stimmt das? Ja, aber nur zum Teil. Denn gleichzeitig wurde und wird die Gute Nachricht von Gott, der jeden Menschen unendlich liebt, überall geglaubt. Weltweit vertrauen Menschen darauf.

Und damals wie heute scheint es eine Frage der Perspektive zu sein, ob wir die Probleme sehen oder mitfeiern, dass Menschen zum Glauben kommen, frei werden und Leben finden – und zwar überall.

Christus selbst ist in Gottes Herrlichkeit aufgenommen worden

Das ist definitiv der geheimnisvollste Teil, den Paulus darstellt. Jesus war nicht nur als Mensch auf der Erde. In gewisser Weise ist er immer noch hier und gleichzeitig hat ihn Gott zu sich in seine Umgebung geholt, die in der Bibel meist «Herrlichkeit» oder «Gottes Reich» genannt wird und nicht unbedingt «Himmel». Dass wir das mitbekommen, ist eine Gebetserhörung, denn es ist ein Anliegen von Jesus im sogenannten hohepriesterlichen Gebet, dass wir seine Herrlichkeit sehen. Immer noch hat dies Auswirkungen auf unser Denken und unseren Glauben – und auch auf unsere Wahrnehmung durch andere. Wenn wir uns in unserer begrenzten Art für Gott einsetzen, scheint es so, als ob Gott selbst den Vorhang zur Seite zieht und für uns und andere unterstreicht: «Du verstehst es jetzt noch nicht ganz. Aber ich zeige dir schon einmal etwas von meinem grossen Geheimnis, dem Geheimnis, dass ich dich unendlich liebhabe.»

Wäre das nicht eine geniale Jobbeschreibung für Christen? «Und, was machst du so beruflich?» «Ich bin Whistleblower. Geheimnisverräter für Jesus.»

Zum Thema:
Wer war Paulus?: Apostel, Bibelautor, Märtyrer 
Pausenlos beten?: Wie man Paulus' Aufforderung umsetzen kann 
Christliche Filmproduktion: Geschichten von Paulus als Youtube-Serie 

Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung