«Wie in einem Horrorfilm, aber real»

Volodymyr Kowal im Podcast der «Arbeitsgemeinschaft Interkulturell» der «Schweizerischen Evangelischen Allianz» (SEA)
Eine Rakete schlägt neben ihnen ein; «wie in einem Horrorfilm». Doch für Volodymyr Kowal ist es Realität. Der Ukrainer flieht mit seiner Familie aus Butscha, erlebt Gottes Bewahrung und findet in der Schweiz eine neue Aufgabe unter Geflüchteten.

Heute, am 24. Februar 2026, jährt sich der Einmarsch Russlands in die Ukraine zum vierten Mal. «Die Rakete schlägt in ein Haus ein – und du siehst das wie in einem Horrorfilm. Aber das ist kein Film, das ist Realität», erinnert sich Volodymyr Kowal in einem Podcast-Beitrag der «Arbeitsgemeinschaft Interkulturell» der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

Im Westen der Ukraine aufgewachsen, lebt er seit dreieinhalb Jahren in der Schweiz. Volodymyr Kowal hat nicht weniger als zehn Geschwister («ich war Nummer vier»), sagt er gegenüber Podcast-Moderator Egzon Shala. «Als ich geboren wurde, waren meine Eltern orthodoxe Christen, wie die meisten Menschen in der Ukraine. Aber als ich vier Jahre alt war, machte meine Mutter eine persönliche Erfahrung mit Jesus.»

Gott zu Sowjetzeiten gefunden

Seine Mutter besuchte eine orthodoxe Gemeinde, in der die Priester die alte slawische Sprache benutzten. «Die Leute konnten praktisch nichts verstehen. Sie machten nur das Kreuzzeichen und brachten zu bestimmten Festen Brot oder Früchte. Aber zu Hause betete meine Mutter. Wir hatten keine Bibel, kein Neues Testament – leider war das zu dieser Zeit so.»

Dann schenkte ein Nachbar seinen Eltern ein kleines schwarzes Buch; das Neue Testament. «Je mehr sie lasen, desto mehr verstanden sie, dass sie ihre Sünden bereuen und Gott um Vergebung bitten mussten. Durch das Lesen des Evangeliums kam meine Mutter zum Glauben.»

Das war noch in der Sowjetzeit, in einer Zeit der Verfolgung. «Die Gläubigen trafen sich heimlich in Privathäusern oder Wohnungen zum Gottesdienst.»

Vor der Klasse beschämt

Die Kinder konnten die Veränderung im Leben der Eltern deutlich sehen. «Mein Vater hatte vor seiner Bekehrung oft sehr schlechte Worte benutzt, aber nach seiner Bekehrung hat Gott seine Sprache verändert. Auch seine Abhängigkeiten – Alkohol und Rauchen – wurden überwunden. Er hatte vorher oft versucht aufzuhören, aber seine eigene Willenskraft reichte nicht aus. Mit Gott und mit der Unterstützung der Gemeinde wurde er frei.»

Aufgrund des christlichen Glaubens wollte Volodymyr Kowal – damals zehnjährig – nicht in eine kommunistische Jugendgruppe. «Meine Klassenlehrerin erklärte, unsere Schule sei ein Vorbild in der ganzen Region für atheistische Propaganda. Sie stellte mich täglich vor die Klasse, um mich zu beschämen.»

500km von Zuhause entfernt

Zum Ende seiner Schulzeit hörte er, dass in Kiew ein neues theologisches Institut gegründet wurde. «Ich bewarb mich und wurde Teil des ersten Jahrgangs am ‘Kiew Bible Institute’.» 500 Kilometer von Zuhause entfernt zu sein, bedeutete eine grosse Veränderung. «Aber ich genoss es, die Bibel zu studieren und meinen Glauben zu vertiefen. Ich hatte grossen Hunger nach Gottes Wort und wollte alles lernen. Diese Zeit war prägend und motivierend für mich.»

Nach seinem Bachelorabschluss blieb er als Dozent am Institut und half in einer Gemeinde als Assistent des Pastors. Später wurde er eingeladen, eine neue Gemeinde zu gründen. Volodymyr Kowal heiratete und wurde Vater dreier Kinder.

… und dann begann der Krieg

Am 24. Februar 2022 begann der grosse Angriff. «Wir lebten in Butscha, nahe Kiew. Zehn Tage lang befanden wir uns mitten in den Kämpfen. Viele wollten die Stadt nicht verlassen, aber wir spürten eine Führung des Heiligen Geistes, dass wir gehen mussten.»

Die Familie packte innerhalb von 15 Minuten die wichtigsten Sachen. «Wir flohen in einer Autokolonne. Während wir fuhren, schlug eine Rakete links in ein Haus ein. Es sah aus wie in einem Horrorfilm – aber es war Realität. Viele andere Menschen auf der Flucht wurden erschossen. Gott bewahrte uns. Wir konnten 24 Personen aus Butscha evakuieren.»

Beim Freund eines Freundes lebte die Familie zunächst zu fünft in einem Zimmer auf Matratzen. «Dann bot uns jemand aus einer Missionsorganisation in Grossbritannien an, dorthin zu gehen. Wir beteten und spürten, dass dies nicht Gottes Weg für uns war. Schliesslich meldete sich die Organisation ‘Kirchen helfen’, gegründet von Paul und Peter Bruderer im Kanton Thurgau. Sie boten uns ein Haus in einem kleinen Dorf in der Schweiz an.» Und so landete die fünfköpfige Familie in der Schweiz, wo die Kinder nun zur Schule gehen.

Gottesdienste in ukrainischer Sprache

Volodymyr Kowal startete mit einer kleinen Gruppe in einem Café in Frauenfeld. «Ab Ostern begannen wir, ukrainische Gottesdienste zu veranstalten. Wir merkten, dass es auch in anderen Städten Bedarf gab, grössere Veranstaltungen zu organisieren. Diese Treffen gaben vielen ukrainischen Flüchtlingen Ermutigung und Unterstützung.»

Mittlerweile arbeitet er auch für «MEOS interkulturell», «das war eine grosse Ehre für mich. Heute arbeite ich vor allem mit ukrainischen Migranten. Wir unterstützen sie durch lokale Gemeinden und Pastoren.»

Sein grosser Wunsch ist, dass Frieden in seiner Heimat einziehen möge. «Wir beten für ein Ende des Krieges und dass so bald wie möglich Frieden kommt. Wir beten für Gottes Frieden in den Herzen der Menschen die durch diesen Krieg betroffen sind. Wir beten, dass Menschen Jesus kennenlernen, sich bekehren und einen lebendigen Glauben erfahren.»

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Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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