Küchengedanken von Bruder Lorenz

Das Lieblingsbuch von Papst Leo wurde von Bruder Lorenz geschrieben
«All meine Gedanken sind bei dir» ist das uralte Buch eines französischen Mönchs. Trotzdem prägt es Menschen bis heute auf ihrer Suche nach Gottes Nähe – selbst Papst Leo XIV.

Vor 350 Jahren in Paris. Ein alternder Laienmönch sitzt in seiner Werkstatt im dortigen Kloster der Karmeliter. Er flickt die Sandalen seiner Mitbrüder. Er mag seine Arbeit nicht besonders. Vorher bekocht er sie viele Jahre lang in der Klosterküche. Diese Arbeit mag er noch weniger. Aber er seufzt und jammert nicht, er strebt nicht nach Grösserem, sondern er spricht mit Gott darüber und versichert ihm, dass er ihn liebt. Das hört sich ziemlich unspektakulär an und ist es auch. Gleichzeitig ist es die Grundlage eines All-time-Klassikers der christlichen Literatur, denn Bruder Lorenz – so hiess der französische Karmelitermönch – notierte seine Gedanken und man kann sie bis heute nachlesen. «All meine Gedanken sind bei dir» heisst eine schöne deutsche Ausgabe aus dem Neufeld Verlag. Und einer der begeisterten Leser dieses alten Buchs ist Papst Leo XIV., wie er vor Kurzem in einem Interview erklärte.

Ein Blick hinter die Kulissen

Zu den typischen Fragen an prominente Personen gehört diese: «Welches Buch (welcher Film) hat Sie besonders geprägt?» Dahinter steckt die Idee, eine gewisse Nähe zu diesem Menschen herzustellen, wenn er einen ähnlichen Geschmack hat wie man selbst, oder auch sein «Erfolgsrezept» kennenzulernen. Was hat diese Person zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? So fragte der Journalist Jürgen Erbacher Papst Leo am Rande seiner Reise in die Türkei und den Libanon nach einem solchen Buch. Der Papst bat um Bedenkzeit. Auf dem Rückflug im Rahmen einer Pressekonferenz antwortete er dann laut Domradio: «Mich hat da ein deutscher Journalist gefragt, welches Buch man lesen muss, um mich ein bisschen zu verstehen – jenseits von Augustinus.» Und dann nannte der Papst das kleine Büchlein «The Practice of the Presence of God» von Bruder Lorenz. Wenn der Papst als Leiter der Kirche und promovierter Kirchenrechtler den einfachen Bruder Lorenz von der Auferstehung nennt, dann setzt er damit ein klares Zeichen. Ein Zeichen, dass es ihm mehr aufs Tun als auf grosse Worte ankommt, auf eine Begegnung mit Gott im Alltag. «Bei mir gibt es keinen Unterschied zwischen der Zeit des Gebets und der übrigen Zeit», hielt Bruder Lorenz zum Beispiel fest, der interessanterweise seine grösste Leserschaft in protestantischen und anglikanischen Kreisen fand.

Der unbekannte Autor

Ein paar wenige Fakten sind von Bruder Lorenz bekannt. Er kam als Nicolas Herman wahrscheinlich 1614 in Hériménil, einem kleinen Ort in Lothringen zur Welt. Als junger Mann kämpfte er im 30-jährigen Krieg, wurde verletzt, hatte eine Art Gottesbegegnung und trat nach einem erfolglosen Versuch, als Eremit zu leben, bald darauf in ein Karmeliterkloster in Paris ein. Dort erhielt er den Ordensnamen Frère Laurent de la Résurrection (Bruder Lorenz von der Auferstehung). Er war 15 Jahre lang in der Küche für die Verköstigung der circa 100 Mönche zuständig und arbeitete danach noch Jahre in der Sandalenschusterei. 1691 starb er mit 77 Jahren an einer Rippenfellentzündung. Bruder Lorenz stand zu keiner Zeit besonders im Rampenlicht – offensichtlich wollte er das auch gar nicht. Im Nachhinein fällt es den Menschen, die die Aussagen seines Buchs betrachten, deswegen leicht, sie auf sich und ihren Alltag zu beziehen. Es geht ihm nicht um das Leben als Mönch, er erklärt keine theologischen Besonderheiten, sondern er formuliert Sätze wie: «Wir müssen unsere Arbeit mit Gott verrichten, zärtlich, ruhig und liebevoll.»

Das Buch – uralt und berührend einfach

Die Erkenntnisse von Bruder Lorenz sind einfach. Das macht sie nicht zu Allgemeinplätzen, denn man spürt ihnen ab, dass es gelebte Wahrheiten sind. 350 Jahre schaffen allerdings einen gewaltigen Abstand, deshalb tut es dem Buch gut, dass Reinhard Deichgräber als Herausgeber in seinen ausführlichen Gedanken, die er den originalen Texten voranstellt, Brücken zu ihnen schlägt und Zusammenhänge erklärt. Trotzdem sind es in erster Linie die alten Schriften, die dir bis heute weiterhelfen – auch wenn du kein Papst bist.

Der Segen dieses Buchs liegt in seiner Einfachheit. Moderne Konzepte zur Selbstoptimierung listen 27 Schritte zu einem perfekten Leben auf, allerdings hast du meist den dritten schon wieder vergessen, wenn du den vierten anschaust. Bruder Lorenz wiederholt sich; er ist redundant; seine Botschaft besteht eigentlich nur darin, alles aus Liebe zu Gott zu tun und sich mit ihm darüber zu unterhalten. Das klingt dürftig, wenn man es mit ausführlichen theologischen Konzepten vergleicht. Aber es ist tragfähig. Es begegnet meiner Sehnsucht nach Sinn, Gottes Gegenwart und alltagstauglichem Glauben. Bis heute lohnt es sich, wenn du dich neben Bruder Lorenz in die Küche stellst und ihn hörst, wie er beim ihm verleideten Kartoffelschälen sagt: «Unser ganzes Werk ist nur, dass wir Gott lieben und uns an ihm erfreuen.» Und dann arbeitet er weiter. Und lächelt. Und feiert seine Gemeinschaft mit Gott.

Zum Buch:
All meine Gedanken sind bei dir – Bruder Lorenz

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Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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