Iran: Warum ausgerechnet jetzt?

Wie kann man das Geschehen im Nahen Osten einordnen? (Symbolbild)
Im Nahen Osten herrscht Krieg. Keiner weiss, wie lange und mit welchen Folgen. Dr. Johannes Hartl und andere Kommentatoren versuchen, das Geschehen einzuordnen – in politischer, aber auch in theologischer und geistlicher Hinsicht.

In einem viel beachteten Video erklärt Dr. Johannes Hartl, warum die Angriffe ausgerechnet jetzt stattfinden. Zum Hintergrund: «Unterschiedliche Staaten verfolgen unterschiedliche Interessen. Die USA verfolgen knallhart wirtschaftliche Interessen.» Die USA arbeiteten seit Jahren darauf hin, dass der Nahe Osten geeint wird und für eine engere Anbindung an Saudiarabien (Hartl erinnert an das Abraham-Abkommen). Für Israel dagegen sei der Iran eine existentielle Bedrohung, der rings um Israel seine Vasallen aufgebaut hat. Israel wolle darum die Feinde eliminieren, die das kleine Land ringsherum bedrohen.Der 7. Oktober 2023 mit dem «grössten antisemitischen Massaker seit dem 2. Weltkrieg» habe Ministerpräsident Netanjahu nun die ideale Gelegenheit gegeben, damit Ernst zu machen – «und das ist ihm bisher relativ gut geglückt», so Hartl – die Hamas, die Hisbollah und die Huthis im Jemen seien entscheidend geschwächt worden.

Sunniten gegen Schiiten

Eine weitere Front, die das Geschehen verkompliziert: Es gehe nicht nur um das einfache Narrativ «Der Westen gegen muslimische Länder», sondern viel mehr um inner-islamische Kämpfe. Dass der Iran nun auch sieben islamische Länder angreift, hat als Hintergrund die Spannung zwischen Sunniten und Schiiten. Hartl: «Die (vorwiegend sunnitischen) arabischen Länder haben den politischen Islamismus satt, wollen die Beziehungen zu Israel normalisieren und sich mehr für den Westen öffnen.» Der schiitische Iran dagegen – konkret das fast 50 Jahre andauernde Mullah-Regime – habe einen Kreis von Vasallen aufgebaut und sei dabei, Atomwaffen zu entwickeln, um Israel zu zerstören.

50`000 Tote auf den Strassen

Völkerrechtlich sei der Angriff auf den Iran schwierig zu bewerten. Aber Hartl fragt, ob es neben der Souveränität der Staaten nicht auch so etwas wie eine «Schutzverantwortung» in der UNO gibt – die Verantwortung, einzugreifen, wenn «schwerste Menschenrechtsverletzungen» in einem Staat passieren. Und das sei im Iran sicher der Fall: «50`000 Menschen wurden ermordet, Hunderttausende verletzt – das Regime hat Aufstände so blutig niedergeschlagen wie kein anderes in den letzten Jahrzehnten.» Es sei schon leicht zu sagen, «man ist gegen den Krieg» – aber gerade in Europa müsse man sich die Frage gefallen lassen: «Was machen wir angesichts solcher Gräuel anderes als Moral zu exportieren?» Zumal dieses Regime noch bis vor kurzem von der deutschen Regierung hofiert worden sei.

Pazifismus?

Der gegenwärtige Krieg fordert Christen heraus: Ja zum Krieg oder Pazifismus? Er wolle nicht sagen, dass die USA oder Israel alles richtig machen, so Hartl. Aber theologisch betrachtet, lebten wir in einer «gefallenen Welt». «Pazifismus als Herzenshaltung ist etwas Wunderbares»: dass man im privaten Umfeld, wenn immer möglich, alle Konflikte ohne Gewalt zu lösen versuche, «durch Vergebung und im Dialog». International sei das aber schwierig durchzusetzen, wenn der eine Partner die Auslöschung des anderen beabsichtigt. «Nicht Israel träumt von der Auslöschung des Iran, aber dort herrscht seit 1979 ein Regime, das ständig davon redet, endlich die Raketen bauen zu können, um Tel Aviv dem Erdboden gleichmachen zu können.» Heisst konsequenter Pazifismus, dass man den «Bully» in der Klasse, der alle anderen terrorisiert, gewähren lässt?

«Das Böse mit Gutem überwinden»

Eine andere – dezidiert pazifistische – Haltung vertritt Lukas Amstutz, Theologe, Dozent und Gesamtleiter am Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg. Er will angesichts der Komplexität des Geschehens keine qualifizierte Einschätzung in wenigen Zeilen abgeben. Seine Grundhaltung aber ist klar. Gegenüber Livenet sagte er: «Der Schrecken wiederholt sich: Auch dieser Krieg tötet Ebenbilder Gottes, reisst tiefe Wunden in Körper und Seelen und wird neuen Hass schüren. Und wie immer folgen Versuche, zumindest diesen Krieg irgendwie zu rechtfertigen. Der Glaube an die erlösende Macht der Gewalt ist trotz gegenteiligen Erfahrungen ungebrochen hoch. Als Christ kann ich diesem Weg nicht folgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Kirchen gemeinsam festgehalten: `Krieg als Methode zur Beilegung von Konflikten ist unvereinbar mit den Lehren und dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus`. Ja, wir leben in einer unerlösten Welt. Aber Christus hat uns erlöst, um das Böse mit Gutem zu überwinden. Sich an dieser realpolitischen Friedenslogik des Evangeliums zu orientieren, wäre meines Erachtens unsere Aufgabe als Kirchen. Sonst braucht es uns nicht.»

Vertrauen – und Hoffnungszeichen

Wenn von aussen mit Gewalt eingegriffen wird, entstehe nicht immer Frieden im Inneren, das weiss Hartl auch – verschiedene amerikanische Aktionen der letzten Jahre hätten das bewiesen. Aber Diktaturen würden nicht dadurch abgeschafft, «indem man dagegen redet und abwartet». «Wir Deutschen sollten uns da besonders erinnern», so Hartl: «hätte Amerika sich nicht in diesen Krieg gegen Hitlerdeutschland eingeschaltet, (…) dann gäbe es kein freies Deutschland.»

Der Nahe Osten habe keine Lust mehr auf Islamismus; eine Veränderung des Iran zu einem demokratischen Land könne in der ganzen Region sehr viel bewirken. Darum: «In erster Linie sollen wir beten um Frieden und Versöhnung. Echter Frieden, echte Stabilität kommt nie durch Krieg, aber Kriege finden in dieser Zeit eben nun mal statt und manchmal kann durch den Kampf gegen einen Diktator am Schluss auch was Gutes daraus werden.»

Johannes Hartl schliesst: «Auch wenn es naiv klingt – am Ende bleibt nur das Vertrauen, dass letztendlich Gott kommt und Gerechtigkeit schafft.» Für den Iran hat er die Hoffnung, dass jetzt eine neue Gesellschaftsform anbrechen könnte. Es gebe im Land eine «massive Abwendung vom Islam», und sehr viele Menschen würden Christen – «im Iran sehen wir die weltweit am schnellsten wachsende Kirche im Untergrund». Eine Insider-Sicht dieser Erweckung gibt unter anderem Sascha Ernst von AVC Schweiz in einem Video-Gespräch: Wenn das Land Frieden bekomme, könne diese Erweckung durchaus auch nach Europa kommen. 

Purim und Haman

Zurück zum aktuellen Krieg: Andere Beobachter – und natürlich Israeliten selbst – weisen darauf hin, dass in Israel seit Montag das Purimfest gefeiert wird, «also jener Feiertag, der auf das Buch Ester zurückgeht und an dem der Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch die Perser vor 2'500 Jahren gedacht wird – also ausgerechnet jenem Reich, aus dem der heutige Iran hervorging», wie das Magazin PRO erklärt. Israels Premier Benjamin Netanjahu bemerkte: So wie vor mehr als 2'000 Jahren der persische Kanzler Haman, wolle auch das iranische Mullah-Regime das jüdische Volk auslöschen. Doch stattdessen werde das Regime so scheitern, wie Haman einst scheiterte, so Netanjahu.

Auch der Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER), Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, zog diesen Vergleich und wies auf die – sicher schmerzhafte – Parallele hin: «In einem Moment, der an die biblische Geschichte von Purim erinnert – als sich das Blatt gegen jene wendete, die die Vernichtung der Juden planten –, hat ein führender Antisemit, der Auslöschung predigte und Terror exportierte, das Schicksal erlitten, das er selbst anderen zugedacht hatte.»

«Beten für die wunderbaren Menschen im Iran»

Dr. Johannes Hartl bekennt, dass ihn die Bilder und Videos vom Januar aus dem Iran «persönlich sehr umgetrieben» hätten. Interviews und Videos von Iranerinnen, die sei Jahren auf die brutalen Zustände im Iran hingewiesen haben, tragen zur Hoffnung bei, dass sich etwas Grundlegendes im Iran ändern könnte. Das beantwortet die Frage von Hartl, «warum der Iran das einzige Land ist, das jubiliert, wenn es bombardiert wird». Er persönlich werde intensiv beten «für die wunderbaren Menschen im Iran, für die ganze Region – um ein neues Zeitalter von Frieden, Sicherheit und Stabilität».

Hier das ganze Video von Dr. Johannes Hartl: 

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Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / PRO Medienmagazin

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