Der Kahlschlag
«Jesus verliess den Tempel und wandte sich zum Gehen. Da kamen seine Jünger und wollten ihm die riesigen Ausmasse der Tempelanlage zeigen. «Ihr bestaunt das alles, nicht wahr?», sagte Jesus zu ihnen. ‘Aber ich versichere euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben. Alles wird nur noch ein grosser Trümmerhaufen sein.’» (Matthäus Kapitel 24, Verse 1-2)
Das Siegerland, wo meine Frau und ich aufgewachsen sind, ist eine sehr waldreiche Gegend in Deutschland. Neben der Eisenerzgewinnung war der Wald über Jahrhunderte hinweg das Standbein der Wirtschaft. Irgendwann begann man jedoch, von der klassischen Haubergsbewirtschaftung im Mischwald abzusehen und grossflächig nur noch Fichte anzubauen. Die Fichte versprach schon nach 25 bis 30 Jahren Gewinn. Immer wieder gab es Menschen, die vor der Gefahr dieser nun entstandenen Monokultur warnten, doch diese wenigen Stimmen verhallten im Wind. Auch gab es Vorzeichen wie 2003 den Sturm Lothar, der in manchen Fichtenwäldern die Bäume wie Streichhölzer umknicken liess. Man hörte nicht.
Dann kamen die immer trockeneren, wärmeren Jahre, die den Bäumen zusetzten. Ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer, der sich rasant verbreitete. 2018 begann ein dramatischer Wandel, welcher insbesondere im Jahr 2019 extreme Ausmasse annahm und das typische Bild von Siegen-Wittgenstein veränderte: Riesige, zuvor grüne Flächen, verwandelten sich in kurzer Zeit in braune Flecken. Letztlich mussten all diese Flächen gerodet werden, was zur Entstehung riesiger Kahlflächen führte. So fielen dem notwendigen Kahlschlag zwischen 2018 und 2021 Flächen von bis zu 20'000 Hektar zum Opfer, das Holz war nichts mehr wert.
Es war ein schwerer Schlag für die Menschen dort: Eine der waldreichsten Gegenden war zu einer Mond- oder Wüstenlandschaft geworden. Als wir dort zu Besuch waren, entdeckten wir aber auch Positives: Von den kahlen Bergen aus hatte man plötzlich eine gewaltige Sicht über das ganze Land. Völlig neue Perspektiven gewannen wir.
Es gab noch weitere positive Entwicklungen: Der Borkenkäfer hatte keine Nahrung mehr und verschwand. Erstaunlicherweise erholte sich der Wald unglaublich schnell. Wo zuvor nur noch saurer Nadelboden gewesen war, kamen wieder kleine Buchen-, Birken- und Eichenpflanzen hervor, der Ginster blühte wieder und lockte Schmetterlinge an, Blaubeeren und wilde Erdbeeren waren wieder da…
Wir fürchten den Kahlschlag – in unseren Gemeinden wie in unserem Leben. Aber manchmal ist es der einzige Weg, um Krankes zu besiegen. Vor lauter Wald sehen wir oft gar nicht mehr, was gut wäre. Ein Kahlschlag hilft, um überhaupt wieder sehen zu können, neue Perspektiven zu gewinnen und dann neue Früchte zu ernten…
Next step: Wo gilt es, «tabula rasa» im eigenen Leben zu machen, sich von Dingen, Süchten, Angewohnheiten, auch Menschen zu trennen, die uns nicht wirklich guttun? Den Tempel ein- oder abzureissen? Was hindert dich daran? Denke daran, dass ein Kahlschlag zwar schmerzhaft ist, aber nur so oft wahres neues Leben entstehen kann. Jesus sagt: «In drei Tagen werde ich den Tempel wieder neu aufbauen!» (Johannes Kapitel 2, Vers 19)
Zum Buch:
Das Buch «Good Morning, Church» bietet tägliche Bibelimpulse für die Church Family, aber auch für Menschen, die es lieben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der Leser kann 100 Tage lang jeden Tag mit einem Bibelimpuls beginnen und im Abschnitt «Next Steps» einen Schritt weitergehen, um Gott näherzukommen, Jüngerschaft zu leben, Kirche zu träumen und zu leben. In «Good Morning Church!» gibt es Humorvolles und Tiefgang, Alltagssituationen und Abenteuergeschichten, Kirchliches und Persönliches. Livenet bringt in den kommenden Wochen Auszüge aus dem Buch.
Zum Thema:
«Good Morning, Church!»: Eine Thurgauerin verliert ihren Apfel
Neue Formen finden: Spuren des Aufbruchs in Kirchen
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