Freitag, 24. Mai 2024

Evangelischer «Don»

Daniele Scaravel ist als Miliz-Armeeseelsorger
Daniele Scarabel erlebte in der Rekrutenschule, wie gut es tut, wenn jemand da ist und zuhört. Nun selbst als Miliz-Armeeseelsorger tätig, gibt er Einblick in seine Aufgaben.

An seine Zeit in der Rekrutenschule hat Daniele durchzogene Erinnerungen. Es fiel ihm schwer, sich als Christ in seiner Gruppe zu integrieren und den Glauben zu leben. «Gespräche mit dem Armeeseelsorger haben mir damals sehr geholfen», sagt Daniele. Am Ende absolvierte er die Unteroffiziersschule. Seine Ausbildung als Pastor einer Freikirche ermöglichte Daniele den Ausstieg aus dem Militärdienst. Zuvor hatte er sich überlegt, als Armeeseelsorger tätig zu sein. Doch die dazu nötige Ordination in einer Landeskriche vereitelte seine Pläne.

Eine bunte Truppe

2021 änderten sich die Aufnahmekriterien für Armeeseelsorger. Daniele meisterte den Bewerbungsprozess und wurde für den dreiwöchigen Lehrgang im Frühjahr 2022 zugelassen. Die ganze Bandbreite christlicher Konfessionen war vertreten, ebenso Muslime, Juden und Angehörige weiterer Religionen. Daniele erklärt: «Drei Wochen so eng miteinander zu lernen und zu leben, war sehr wertvoll. Es baute Vorurteile ab, denn wir begegneten uns als Menschen.»

«Dass hier alle dieselbe Uniform tragen, lässt viele Unterschiede in den Hintergrund treten.»

Den Menschen zuhören

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Daniele nun als Miliz-Armeeseelsorger, einem Bataillon zugeteilt. «In der Armeeseelsorge wird von uns ein respektvoller Umgang mit Menschen anderer Glaubenshintergründe verlangt», erklärt er. «Dass hier alle dieselbe Uniform tragen, lässt viele Unterschiede in den Hintergrund treten.» Seinen Glauben darf Daniele leben, ohne bewusst dafür zu werben. Gottesdienste und ähnliche Aufgaben seien nur ein kleiner Teil seiner Tätigkeit. «Es geht vor allem darum, zuzuhören und Vertrauen aufzubauen. Das ist mein Grundanliegen», sagt Daniele. Kommt die Initiative vom Ratsuchenden, seien auch Gespräche über Glaubensbelange möglich.

Ein «Don» mit Ehering ...

Die Armee verschaffte dem dreifachen Vater schon manch spannenden Kontakt; neben Begegnungen mit Personen aus der Politik auch ein Treffen mit einem Bischof. Abgesehen von Daniele sind im Tessin sämtliche Armeeseelsorger katholisch. Er präzisiert: «Alle Priester werden hier mit Don und ihrem Vornamen angesprochen, mich nennen sie auch so. Mein evangelischer Hintergrund spielt da keine Rolle.» Trotzdem sei ein evangelischer Pastor für viele fremd. Daniele schmunzelt: «Mehrfach wurde ich gefragt, weshalb ich einen Ehering trage …»

Zwischenmenschliches im Fokus

Zur Aufgabe eines Armeeseelsorgers gehört auch, die Stimmung in der Truppe wahrzunehmen und nötigenfalls mit den Offizieren das Gespräch zu suchen. «Das Kader hat die militärischen Aspekte im Fokus, ich bin für das Zwischenmenschliche da», hält Daniele fest. Dabei vertraut er Gott, bittet ihn um Rat, in den jeweiligen Situationen richtig zu reagieren und zu handeln. Mit ihm anvertrauten Dingen geht der Seelsorger weise um und verrät: «Ich bete auch nach den Gesprächen noch für die Soldaten.»

Autor: Markus Richner-Mai
Quelle: Hope Schweiz Nr. 2