Montag, 24. Juni 2024

Eine Perspektive fürs Leben

Mathias Reich und seine Frau Judith.
Bei «PerspectivePlus» können sich junge Menschen in schwierigen Situationen auf die berufliche Ausbildung vorbereiten oder eine solche absolvieren. Oft gewinnen sie dabei mehr als eine offene Tür in die Arbeitswelt.

«PerspectivePlus» – der Name sagt schon einiges von dem, wofür das Sozialunternehmen im neuenburgischen Thielle steht: Junge Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren mit Schwierigkeiten beim Übergang von der Schule ins Berufsleben sollen eine Perspektive für ihre Zukunft erhalten. Das «Plus» ist dabei, dass der Person in ihrer Ganzheitlichkeit Aufmerksamkeit geschenkt wird. Neben der Frage der Ausbildung sollen etwa auch soziale oder spirituelle Bedürfnisse Beachtung finden. «Unser primäres Ziel ist, dass die Jugendlichen in der Arbeitswelt Fuss fassen können», erklärt der Vizedirektor Mathias Reich. Seine Frau Judith, die als Sozialpädagogin bei PerspectivePlus tätig ist, ergänzt: «Für uns zählt aber nicht nur, wenn eine junge Frau den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schafft. Gerade in dieser fragilen Lebensphase auf der Suche nach der eigenen Identität ist es auch ein Erfolg, wenn jemand an Selbstbewusstsein gewonnen hat.»

«In der fragilen Lebensphase der Jugend ist es auch ein Erfolg, wenn jemand an Selbstbewusstsein gewinnt.»

Bejahen, was ist

Obwohl die Invalidenversicherung (IV), von wo PerspectivePlus die grosse Mehrheit der Jugendlichen zugewiesen bekommt, den Integrationserfolg in Zahlen misst, geht es beim kleinen Sozialunternehmen um Grundlegenderes: «Die Menschen, die zu uns kommen, sollen den Wert entdecken, den Gott ihnen geschenkt hat, und eine Perspektive für ihr Leben entwickeln können», drückt Mathias seine Hoffnung aus. Oft würden die Jungen regelrecht nach Annahme schreien. Dass dies einfacher klingt, als es in der Realität oft ist, und bedeuten kann, Grenzen aufzuzeigen, schildert Judith anhand eines Beispiels: «Ich begleitete eine junge Frau, die unbedingt Ärztin werden wollte, aber nicht die Voraussetzungen dafür hatte. Da war es meine Aufgabe, ihr zu sagen, dass dies nicht möglich sein wird, und auszuhalten, dass sie darauf gar nicht erfreut reagierte.» Es sei ihre Hoffnung, dass die Jugendlichen lernten, sich selbst, ihre Vergangenheit, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen und Beeinträchtigungen zu bejahen.

Vom Motivationssemester bis zur Berufslehre

Im Vergleich zu anderen Integrationsunternehmen ist PerspectivePlus klein, bietet aber eine beachtliche Vielfalt an Massnahmen an. Die rund 40 Plätze teilen sich Jugendliche, die eine Berufslehre machen, beispielsweise als Kaufmann, Gärtnerin oder Pferdewart, die im Rahmen eines Wiedereingliederungsrogramms schrittweise ihre Arbeitsfähigkeit aufbauen, ein Motivationssemester besuchen oder sich auf die Berufswahl vorbereiten.

«Klar, die Wirtschaft wartet nicht auf unsere Jugendlichen. Aber wir erleben immer wieder, dass sich Türen öffnen.»

Neben Neuenburg finden junge Menschen aus den Kantonen Freiburg, Waadt, Bern oder sogar Aargau den Weg ins ländliche Thielle, das direkt an der Sprachgrenze zwischen Bieler- und Neuenburgersee gelegen ist. Die überschaubare Grösse ermöglicht eine Nähe und Flexibilität, in der Begleitung spezifisch auf die Jugendlichen in ihrer Individualität einzugehen. Dies bezeichnen sowohl Judith als auch Mathias als Schlüssel.

Hand in Hand mit der Wirtschaft

Für maximal zehn Personen besteht die Möglichkeit, unter der Woche vor Ort zu wohnen und in der betreuten WG auch in ihrer Sozialkompetenz und Selbstständigkeit zu wachsen. Einzelne Jugendliche machen ihre Ausbildung ausserhalb in einem Betrieb in der Region, werden aber von PerspectivePlus gecoacht. Es sei das Ziel der IV, dass die Jugendlichen – wenn immer möglich – ihre Ausbildung in der Privatwirtschaft abschliessen, so Mathias Reich. Er ist für die Aussenbeziehungen verantwortlich und berichtet, dass die Zusammenarbeit mit der IV und den für die Jugendlichen zuständigen Berufsberatern ebenso wie mit der Privatwirtschaft meist gut funktioniere. «Klar, die Wirtschaft wartet nicht auf unsere Jugendlichen. Aber wir erleben immer wieder, dass sich Türen öffnen, wenn unsere Jobcoaches im Kontakt mit Unternehmern nach Anschlusslösungen suchen.» Zudem ist die Sozialfirma auf externe Aufträge angewiesen, um genug Arbeit für die Jugendlichen zu haben. So halten diese nicht nur das grosse Grundstück von PerspectivePlus in Schwung, bauen Gemüse an, verarbeiten und verkaufen dieses an Bio-Läden in der Region. Sie pflegen auch Gärten von privaten Auftraggebern oder erledigen Teile der Administration für eine Kirche.

Die Schatzsucher

Es ist bisweilen ein Spagat, denn einerseits erfordern diese Aufträge Professionalität, andererseits ist PerspectivePlus gerade für Menschen da, die aus verschiedenen Gründen nicht mit hohen Ansprüchen umgehen können. Judith sagt dazu: «Bei uns ist die Arbeit nicht der Hauptzweck, sondern das Instrument zur Integration.» So ist zum Beispiel eine Ausweitung der Gemüseproduktion nicht möglich, obwohl die Nachfrage vorhanden ist. «Der erhöhte Produktionsstress wäre für unsere Jungen eine Überforderung und kontraproduktiv.»

«Es ist zutiefst berührend, wenn wir dazu beitragen können, dass junge Menschen ihre Würde wiederfinden.»

Judith und Mathias Reich prägen die Geschichte von PerspectivePlus seit den Anfängen 2013. Ihre Motivation ist nach elf Jahren, in denen sie schöne Entwicklungen genauso wie bleibend schwierige Lebensgeschichten von Jugendlichen hautnah miterlebt haben, ungebrochen. Mathias bezeichnet seine Arbeit als Schatzsuche: «Alle Menschen haben Begabungen. Wir helfen ihnen, diese Schätze wieder zu entdecken.» Für Judith ist es immer wieder eine Freude, sich auf neue Jugendliche einzulassen und von ihnen überrascht zu werden. «Es ist zutiefst berührend, wenn wir dazu beitragen können, dass junge Menschen ihre Würde wiederfinden.»

Autor: Daniela Baumann
Quelle: Hope Schweiz Nr. 2