Theologische Überlegungen zu Identität und Toleranz

Glaubensfreiheit und missionarisches Zeugnis sind keine Gegensätze
Religionsfreiheit ist kein Randrecht, sondern berührt das Wesen des christlichen Glaubens. Auch Reformatoren sahen den Glauben als «freies Werk», verteidigten ihre Überzeugungen, verweigerten diese Freiheit jedoch anderen Gruppen wie den Täufern.

Diese Diskrepanz von geforderter und gewährter Toleranz zeigt sich quer durch die Geschichte und regt dazu an, die theologische Begründung der Religionsfreiheit auch für gegenwärtige politische Entwicklungen in Erinnerung zu rufen.

Unverfügbarkeit des Glaubens

Aus christlicher Sicht ist Glaube kein menschliches Produkt, das durch pädagogische Techniken oder politische Macht herstellbar wäre, sondern eine Gabe Gottes, die der Heilige Geist in Freiheit weckt. Glaube lässt sich weder über kirchliche Institutionen noch über staatliche Zwangsmittel erzwingen, weil es sich um ein Geschenk handelt, das sich dem Zugriff menschlicher Verfügung entzieht. Wer glaubt, tut dies letztlich als Antwort auf ein vorausgehendes Handeln Gottes, nicht als Ergebnis einer äusseren Dressur.

Wo Glaube unverfügbar ist, verliert jede irdische Instanz das Recht, einen bestimmten Glauben vorzuschreiben oder abweichenden Glauben zu sanktionieren. Weder Mehrheit noch Minderheit, weder Staat noch Kirche dürfen sich an die Stelle Gottes setzen und über «richtigen» oder «falschen» Glauben mit Gewalt entscheiden. Diese Einsicht gilt nicht nur für den «eigenen» Glauben, sondern ebenso für den Glauben der anderen. Wer die Unverfügbarkeit nur für sich reklamiert, sie den anderen aber abspricht, erhebt die eigene Tradition de facto zur Identität mit der Wahrheit Gottes.

Damit wird Religionsfreiheit zu einer Konsequenz der Rechtfertigung aus Gnade. Wenn der Mensch sein Heil nicht durch fromme Leistungen, kirchliche Zugehörigkeit oder politische Loyalität sichern kann, dann darf ihm auch kein bestimmter religiöser Weg staatlich verordnet oder kirchlich aufgezwungen werden. Glaubenszwang ist nicht nur politisch problematisch, sondern theologisch ein Widerspruch zur Gnade: Er verwandelt das freie Geschenk Gottes in eine Ideologie, die verteidigt werden muss.

Menschenwürde aus Gottes Beziehung

Die Würde des Menschen gründet im biblischen Zeugnis nicht in Leistung, Herkunft oder Religionszugehörigkeit, sondern darin, dass Gott sich selbst in Beziehung zum Menschen gesetzt hat. Diese Beziehung wird dreifach sichtbar: in der Schöpfung, wo der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist; in der Versöhnung, in der Gott sich den Menschen in Christus zuwendet; und in der Vollendung, auf die alle Geschichte ausgerichtet ist. In allen drei Dimensionen gilt: Der Mensch ist Subjekt göttlicher Zuwendung, nicht Objekt menschlicher Verfügbarkeit.

Wer den Mitmenschen als Ebenbild Gottes wahrnimmt, kann ihn nicht zugleich in seiner religiösen Überzeugung entwürdigen oder seine Glaubenspraxis pauschal delegitimieren. Die Anerkennung der Gottesebenbildlichkeit schliesst die Anerkennung der Freiheit ein, sich Gott zuzuwenden, ihn abzulehnen oder auf andere Weise zu suchen, als es der eigenen Tradition entspricht. Menschenwürde ist daher untrennbar mit Gewissensfreiheit verbunden. Wer das Gewissen bricht, verletzt nicht nur eine individuelle «Innenzone», sondern greift die Gottesbeziehung des Anderen an.

Aus dieser theologisch begründeten Menschenwürde folgt der Schutz der Freiheit, den eigenen Glauben zu suchen und zu leben – oder auch keinen Glauben zu haben. Religionsfreiheit ist darum nicht nur ein Recht für religiös Überzeugte, sondern ebenso für Agnostikerinnen und Atheisten. Christliche Theologie kann nicht von der Gottesebenbildlichkeit aller sprechen und gleichzeitig jene unter Druck setzen, die dem Glauben fernstehen oder einer anderen Religion angehören.

Christliche Freiheit und Toleranz

Reformatorisch gedacht befreit der Glaube aus der Angst um das eigene Heil und relativiert alle irdischen Bindungen, ohne damit Beziehungen zu zerstören. Die Freiheit, die aus der Gnade erwächst, macht nicht autonom im Sinn grenzenloser Selbstverwirklichung, sondern stellt in eine neue Beziehung: Wer sich von Gott angenommen weiss, wird frei, sich dem Nächsten zuzuwenden. Christliche Freiheit führt so in eine freiwillige «Knechtschaft», die das Wohl des Anderen – und damit auch seine Gewissens- und Religionsfreiheit – in den Blick nimmt.

Toleranz ist in diesem Sinn nicht Gleichgültigkeit allem gegenüber, sondern die Bereitschaft, Überzeugungen und Praktiken zu ertragen, die der eigenen Identität widersprechen. Sie setzt eine gefestigte eigene Überzeugung voraus, die nicht permanent um sich selbst kreist, sondern sich von Gott her versteht. Wo Toleranz allerdings bloss mit Beliebigkeit begründet wird, im Sinne von «Alle sollen doch machen, was sie wollen», fehlt ihr die innere Kraft, in Konflikten standzuhalten. Eine christlich begründete Toleranz dagegen erwächst aus der Einsicht: Weil der Glaube Geschenk ist, kann er nur erbeten, nicht erzwungen werden.

Damit wird auch deutlich, dass Glaubensfreiheit und missionarisches Zeugnis keine Gegensätze sind. Wer andere einlädt, dem Evangelium zu vertrauen, setzt gerade voraus, dass sie in Freiheit antworten können. Wo missionarische Praxis Druckmittel, Angst oder politische Macht einsetzt, verrät sie ihren eigenen Inhalt. Eine glaubwürdige christliche Mission wird daher immer zugleich Anwältin der Religionsfreiheit sein – auch dort, wo diese der eigenen Position zunächst nicht nützt.

Grenzen der Toleranz

Die Grenze christlich begründeter Toleranz verläuft nicht dort, wo andere «falsch» glauben oder leben, sondern dort, wo die von Gott geschenkte Menschenwürde verletzt wird und der Weg der Liebe systematisch blockiert wird. Praktiken, die Menschen massenhaft entwürdigen, ausgrenzen oder verletzen, können nicht mit dem Verweis auf die Religionsfreiheit gedeckt werden. Hier ist Widerspruch geboten, und dieser Widerspruch speist sich aus der gleichen theologischen Quelle wie die Toleranz: aus Gottes Ja zum Menschen.

Dabei bleibt bestehen, dass andere weiterhin anders glauben oder gar nicht glauben dürfen. Das Ertragen fremder Überzeugungen und ungewohnter religiöser Ausdrucksformen gehört zum Preis eines freiheitlichen Gemeinwesens. Was nicht mehr toleriert werden kann, ist nicht der fremde Glaube als solcher, sondern jede Praxis, die Menschen unter Berufung auf die Religion verachtet, bedroht oder zum Objekt macht. Wer sich auf den Gott der Liebe beruft, kann sich nicht gleichzeitig der systematischen Entwürdigung von Menschen verschreiben.

Religionsfreiheit für alle

Lukas Amstutz

Historisch hat die Täuferbewegung vor allem um die Freiheit gerungen, ihren eigenen Glauben ungestört leben zu können. Ihre Forderungen entstanden meist aus der Erfahrung von Verfolgung und Marginalisierung und waren zunächst nicht als ausgearbeitete Theorie eines pluralistischen Gemeinwesens gedacht. Dennoch haben die Täufer wichtige Impulse für die Trennung von Kirche und Staat und für eine Pluralisierung religiöser Landschaften gegeben.

Aus heutiger Perspektive stellt sich darum die zugespitzte Frage, ob Kirchen – gerade in sogenannt «christlich» geprägten Gesellschaften – konsequent für die Religionsfreiheit Aller eintreten oder primär ihre Privilegien sichern. Religiöse Akteure können leicht in die Versuchung geraten, Religionsfreiheit selektiv einzufordern: für die eigene Position, während sie Anderen im Namen kultureller Identität, nationaler Einheit oder vermeintlicher «Leitkultur» wieder entzogen wird. So entstehen neue Feindbilder, etwa gegenüber den Juden, dem Islam oder gegenüber (religiösen) Minderheiten, und die verheerende Geschichte der Intoleranz wiederholt sich in neuer Gestalt.

Wenn Kirchen glaubwürdig sein wollen, müssen sie sich diesen Tendenzen widersetzen und Religionsfreiheit als unteilbares Menschenrecht verteidigen. Das schliesst ein, auch dort Partei zu ergreifen, wo die eigenen Überzeugungen nicht geteilt werden und wo der Einsatz für die Freiheit der Anderen keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Aus der Unverfügbarkeit des Glaubens und der in Gottes Beziehung gründenden Menschenwürde ist daher sorgfältig zu prüfen, wer die Religionsfreiheit mit welcher Agenda fordert. Soll Religionsfreiheit nicht instrumentalisiert werden, muss eine christliche Theologie daher sich selbst treu bleiben und Religionsfreiheit nicht nur für sich, sondern für alle Menschen einfordern, sie schützen und aktiv mitgestalten.

Zum Autor:
Lukas Amstutz ist mennonitischer Theologe und leitet das friedenskirchliche Bildungszentrum Bienenberg in Liestal.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Forum Integriertes Christsein.

Zum Thema:
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Autor: Lukas Amstutz
Quelle: Forum Integriertes Christsein

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