Botrus Mansour: «Vorsicht mit Endzeit-Deutungen»
Botrus Mansour ist arabischer Christ und stammt aus Nazareth. Seit Jahrzehnten hat er vor Ort an Projekten gearbeitet, die Christen im Nahen Osten zusammenbringen. Seit August 2025 ist er Generalsekretär der WEA, die 600 Millionen Christen eine Stimme gibt. Das Online-Magazin Evangelical Focus hat ihn zum jüngsten Krieg im Nahen Osten interviewt.
«Wir hatten genug vom Krieg»
Bei einem Treffen in Dubai mit christlichen Leitern erfuhr Mansour von den Angriffen Israels und der USA auf den Iran. Seine Reaktion und die vieler Kollegen: Abscheu und «Schon wieder?». Mansour: «Wir haben gerade einen zweijährigen Krieg in Israel hinter uns, der in jeder Hinsicht grossen Schaden angerichtet hat: spirituell, sozial, psychologisch, zusätzlich zu den enormen Schäden in der gesamten Region und insbesondere im Gazastreifen. Die Gespräche, die wir (in Dubai) dann führten, waren traurig. Wir alle hatten die Kriege satt.»
Er macht sich keine Illusionen über das iranische Regime und die Folgen eines solchen Angriffs. «Trotz unserer Wahrnehmung des iranischen Regimes sind wir zu erfahren, um zu glauben, dass ein solcher Angriff irgendetwas lösen könnte. Wir versicherten uns jedoch gegenseitig, dass Gott immer gut ist und dass er auf dem Thron sitzt.»
Iraner in Europa – wie mit ihnen umgehen?
Auf die Frage, wie Christen in anderen Ländern Exil-Iraner unterstützen können, antwortete Mansour: «Iraner sollten generell, unabhängig von ihrem Glauben, respektiert und unterstützt werden, insbesondere aufgrund der Not, die sie erdulden müssen, und aufgrund dessen, was sie in ihrer Heimat erleben.»
Das gelte besonders für iranische Christen: «Was die iranischen Christen betrifft, so sind sie Helden. Man muss sie willkommen heissen und unterstützen, da sie einen hohen Preis dafür gezahlt haben, dass sie sich zu Jesus bekannt haben.» Aber er warnt auch vor zu schneller politischer Parteinahme: «Ich denke, dass andere Christen ihnen gegenüber sensibel sein sollten, ohne ihnen eine bestimmte Haltung gegenüber ihrer Heimat aufzuzwingen. Es ist in erster Linie ihre Heimat, nicht unsere.»
Wer entscheidet über Regimewechsel?
In christliche Medien findet man weltweit prononcierte Stellungnahmen, sei es zum Iran oder sei es zur Rolle von Israel oder den USA. Sollte man für einen Regimewechsel im Iran eintreten? Die Stellung Mansours und der WEA ist auch hier besonnen: «Einerseits ist das iranische Regime ein finsteres Regime, aber es gibt viele ähnliche Regimes in dieser verdorbenen Welt. Wer entscheidet, dass ein Regime geändert werden soll, und wer führt dies aus? Sollte das nicht ein internationales Forum (die UNO) sein? Solche Versuche, Regime zu ändern, sind in der Vergangenheit gescheitert und haben den Ländern grossen Schaden zugefügt und sogar zu einer Verschlechterung ihrer Lage geführt (siehe beispielsweise Afghanistan) oder der Lage der Christen (wie beispielsweise im Irak).»
Krieg – und die Sicht der Bibel
Mansour warnt davor, von einem Krieg Lösungen zu erwarten: «Man weiss vielleicht, wie man einen Krieg beginnt, aber nie, wie er endet. Andere Länder werden hineingezogen und Interessen vermischen sich. Und sogar Verschiebungen in der Weltordnung können als Folge von Kriegen auftreten. Was sind beispielsweise die Auswirkungen, wenn die reichen Golfstaaten in den Krieg hineingezogen werden?»
Speziell warnt Mansour davor, den Krieg vorschnell «prophetisch» zu deuten: «Jede Verknüpfung dieses Krieges mit endzeitlichen Meinungen ist höchst problematisch und lässt Evangelikale abgehoben wirken. Sie kann uns von anderen entfremden – und von der grossartigen Botschaft des Friedensfürsten.»
Darum: «Aus biblischer Sicht rufen wir zum Frieden auf und möchten die Friedensbemühungen in der Region und darüber hinaus verstärken.» Alle anderen Massnahmen sollten ausgeschöpft werden, bevor der Weg des Krieges eingeschlagen wird. Und schliesslich: «Wir rufen auch zum Gebet für die Opfer auf und trauern um alle Menschen, die ihr Leben verloren haben.»
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