«Zmitztdrin» – mitwirken statt nur dabei sein
«Meiner Verlobten war aufgefallen, dass ich immer schlechter sehe – sie drängte mich, zum Arzt zu gehen», schaut Mathias Wüthrich zurück. Dem damals 21-Jährigen wurde mitgeteilt, dass er an einer genetischen Krankheit leidet, die sein Sehvermögen immer mehr schwächt. Das ist nun 20 Jahre her. «Heute kann ich Texte in normaler Grösse nicht mehr lesen, und bei einem Abstand von zwei Metern erkenne ich nur die Umrisse eines Menschen», hält er fest. Der ehemalige Pöstler und Vater arbeitet heute als Pastor, Coach und Mentor.
Nicht beeinträchtigt, dennoch betroffen
Anita Roth ist mit Eltern aufgewachsen, die beide beeinträchtigt sind. Ihr Vater sieht nur noch sehr wenig, ihre Mutter leidet an einer psychischen Erkrankung. Die Lehrerin und Mutter hat ein Lehrmittel herausgegeben, das Schülerinnen und Schülern Inklusion nahebringt. Es ergänzt den Film «zmitztdrin», der vom Verein «Glaube und Behinderung» und dem Institut Inklusion herausgebracht wurde. Er wurde mit Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen, die mit ihnen leben oder arbeiten, gedreht. Sehr lebensnah zeigt er ihre Herausforderungen: Sie wollen nicht nur dabei sein, sondern mitwirken – wie alle anderen. Film und Material zur Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Unterricht können auf der Homepage von G&B kostenlos heruntergeladen werden.
Ins Gespräch kommen
Auch Kathrin Walter kommt im Film vor. Sie arbeitet in der Küche eines Bio-Bauernhofs. Gern würde sie sich mit ihren Talenten auch in ihrer Kirche einbringen. Die biblische Geschichte von Ruth, die eine tiefe Freundschaft lebte mit ihrer Schwiegermutter, liebt sie sehr. Das wünsche sie sich auch – freundschaftliche Kontakte und Austausch mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.
Moderator Florian Wüthrich berichtet von seinem stark sehbehinderten Masseur. Er wünsche sich vom Umfeld Toleranz – dass die Menschen ihn einfach so nehmen, wie er ist. «Allerdings war er auch schon froh, dass jemand ihn zum richtigen Weg begleitet habe, als er falsch abgebogen ist.» Auch Mathias Wüthrich schätzt Toleranz. Doch er ergänzt: «Es braucht auch Ehrlichkeit, Offenheit und Klarheit – das schafft Vertrauen.» Er habe seinen Arbeitgebern bei der Bewegung plus dargelegt, was er selbst machen könne und was nicht, bevor sie ihn eingestellt hatten. So seien die Verhältnisse von Anfang an geklärt gewesen. «Es braucht Mut, Hilfe anzufordern oder zuzugeben, dass man mehr Zeit braucht.» Daher brauche es von beiden Seiten Transparenz. Es sei noch viel Potential da bei Kirchen – Sensibilität sei nötig, um Menschen mit Beeinträchtigung als wertvollen Teil des Ganzen zu sehen.
Einfach mal ausprobieren
Anita Rohr erlebt, dass sich Gemeindeleiter eine schriftliche Anleitung wünschen, wie sie Inklusion etablieren können. Doch sie selbst zu leben, sei essentiell: «Wenn mein Vater am Mittagstisch der Gemeinde teilnehmen möchte, braucht er jemanden, der ihm die Auswahl an Gerichten erklärt – er kann nicht sehen, was vor ihm steht.» Eine Rollstuhlfahrerin im Film findet es übergriffig, wenn sie ungefragt einfach geschoben wird. Oder wenn spontan für ihre Heilung gebetet werde. Kommunikation sei herausfordernd, aber sehr wichtig, findet ein Ehepaar mit Hörbeeinträchtigung.
Oliver Merz erhielt mit 19 Jahren die Diagnose MS. Das war ein herber Schlag für den sportlichen jungen Mann. Heute forscht der Gründer des Instituts Inklusion entsprechenden zu Themen und engagiert sich dafür, dass Kirchen ihre Herzen und Türen dafür öffnen. Er definiert Behinderung als das, was Menschen mit Beeinträchtigung erleben, wenn sie in unserer Gesellschaft unterwegs sind. Hier könnten Kirchen helfen, Hindernisse abzubauen, regt er an. Auch der Zürcher Theologieprofessor Ralph Kunz findet: «Inklusion ist Mission und Mission ist Inklusion.» Wir bräuchten keine Wohlfühl-, sondern starke und lebendige Kirchen. «Reife Kirchen leben automatisch Inklusion», ist er überzeugt.
Sich ganz einfühlen
Anita Rohr hat das Lehrmittel sehr interaktiv gestaltet. Es gehe nicht nur um Behinderung, sondern um eine neue Sicht: um wertvolle Menschen, die man kennenlernen könne. Die Kinder dürften in Rollen schlüpfen, vielleicht in einem Rollstuhl sitzen oder mit einer Kartonbrille vor den Augen kochen. Sie wolle nicht mit Stigmata arbeiten, sondern den ganzen Menschen in den Fokus stellen. So gehöre auch das Hobby des Dargestellten dazu, zum Beispiel die Vorliebe für Technomusik oder Inlineskaten. «Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, dass jeder Mensch wertvoll und liebenswert ist.» Alle wollten geschätzt und geliebt werden – ob mit oder ohne Beeinträchtigung. Letztere brächten oft neue Farben ins Bild, bisher unbekannte Formen, die das Ganze erweiterten. Sie wünsche sich, dass man diese schätzen lerne. «Wir dürfen dabei gegenseitig flexibel bleiben.»
Mathias Wüthrich führt aus: «Jesus ging zu den Menschen, die bedürftig waren und offen für ihn.» Sie hätten oft schon viele Hindernisse überwunden, das mache sie auch stark, auch im Glauben. Doch Jesus sei gerade in den Schwachen mächtig. Er erlebe das selbst: «Wenn ich ihm Raum gebe, wird er in meiner Schwäche sichtbar». Anita Rohr zitierte ihren Vater: «Ich arbeite mit am Bau des Reiches Gottes mit den Steinen, die ich habe.» Mathias wünscht sich, dass man sich gegenseitig den Wert zuspreche, den Gott in allen Menschen sieht: «Gemeinden haben hier ein riesiges Potential.»
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