Crime Time im Buch der Bücher

Manche biblische Geschichten lesen sich wie ein Krimi
Die Bibel mehr ist als ein Buch. Das wird deutlich, wenn du siehst, dass sie zu fast jeder literarischen Form etwas beizutragen hat – auf Bestseller-Niveau. In dieser kleinen Reihe entdeckst du die Bibel neu: vom Krimi bis zu hoher Literatur.

Wer in eine typische Buchhandlung geht, sieht es sofort: Bücher zu lesen bedeutet offensichtlich, Krimis zu lesen. Rund die Hälfte aller Lesenden greift regelmässig zu Donna Leon, Fabian Fitzek, Jussi Adler-Olsen & Co. Und das, obwohl die meisten Menschen im wahren Leben eher nach Frieden und Harmonie suchen als nach Spannung und Blutvergiessen. Mit diesen Krimis macht der deutsche Buchhandel momentan Jahresumsätze von rund 200 Millionen Euro. Fürs Fernsehen gilt die gleiche Begeisterung, denn die Aachener Zeitung hält fest: «51 Prozent des Angebots von ARD und ZDF ist Mord und Totschlag. Sogar auf der Top-30-Liste der Sender finden sich nur Krimis.» Offensichtlich begegnen Krimis einem Bedürfnis der Menschen, sich auch mit den Abgründen der Seele, mit Ängsten auseinanderzusetzen – gern allerdings aus der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers heraus.

Und die Bibel?

Die Bibel wurde nicht verfasst, um den aktuellen Lesegewohnheiten der Deutschen und Schweizer zu begegnen, trotzdem faszinieren Verbrechen die Menschen seit jeher – und die Auseinandersetzung mit starken Gefühlen wie Wut, Neid oder Angst spielt für sie eine grosse Rolle. So erklärt Dr. Claudia Schmitt, Literaturwissenschaftlerin an der Universität des Saarlands: «Mord und die damit verbundene Grenzüberschreitung ist bereits in der Bibel ein Thema.» Denn das Buch Gottes punktet immer wieder damit, dass es viel Raum für das Menschliche hat.

Wenn du eine Bibel aufschlägst, schaust du definitiv in eine alte Buchsammlung (sie besteht ja aus vielen zusammengenommenen Büchern), aber dich erwarten keine schöngefärbten frommen Texte. Stattdessen findest du auch Krimihandlungen in der Bibel – Spannung, Mord und Totschlag. Diese werden zwar nicht plakativ nach vorne gestellt, um Menschen zum Lesen zu animieren, aber sie gehören dazu, weil Gewalt von Anfang der Menschheitsgeschichte an ein Thema war. Und weil das Wiederherstellen von Gerechtigkeit und das Finden von Schuldigen und ihr Zur-Rechenschaft-Ziehen schon immer wichtige Themen waren. Leder und Goldschnitt bei so manchen Bibelausgaben sollten dich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bibel die grossen Fragen des menschlichen Zusammenlebens oft genug wie in einem Krimi betrachtet.

Mord und Totschlag

Welche Krimihandlungen stecken in der Bibel? Das beginnt bereits auf den ersten Seiten mit dem – allerdings nicht ausführlich beschriebenen – Mord von Kain an seinem Bruder Abel. Hier geht es nicht darum, den Täter zu finden. Der ist klar. Aber die Beweggründe beschäftigen Juden, Christen und auch nichtreligiöse Menschen bis heute. Neid, Eifersucht und das Gefühl, zu kurz zu kommen, steigern sich bis zum ersten Gewaltverbrechen der Menschheit. Bis heute stellt sich die Frage, wie du deine Aggression anders verarbeiten kannst, als einen Stein zu nehmen. In der Weihnachtszeit steht ein anderer Krimi der Bibel im Vordergrund: der Kindermord des Königs Herodes. Wieder wird die eigentliche Tat nur kurz angerissen, weil sie den ersten Leserinnen und Lesern sicher so traumatisch in Erinnerung war wie vielen heutigen Menschen der Anschlag auf die New Yorker Twin Towers 2001. Ein Gerichtskrimi ist dagegen die ganze Geschichte rund um die Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung von Jesus.

Neben diesen sehr bekannten Geschichten beinhaltet die Bibel auch Krimis, die für uns so sehr Allgemeingut sind, dass sie kaum noch als spannend gelten – wenn Jakob seinen Bruder Esau betrügt oder Josef erst nach Ägypten verkauft und dort anschliessend mit falschen Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht wird. Immer geht es dabei mehr um die Beweggründe als um detaillierte Beschreibungen des Tathergangs. Das ist bei einer unbekannteren Geschichte anders: Als der alttestamentliche König Ahab ein Auge auf den Weinberg des Bauern Nabot wirft, weist dieser ihn zurück. Unverzeihlich für den Herrscher. Zusammen mit seiner Frau spinnt er eine Intrige und bringt Nabot um. Im Gegensatz zu einigen biblischen Erzählungen, die ergebnisoffen bleiben, gibt es hier ein krimitypisches Ende: Die Täter werden zur Rechenschaft gezogen.

Mehr als ein Whodunnit

Der kleine Überblick zeigt bereits, dass Spannung und Kriminalfälle in der Bibel regelmässig vorkommen. Du findest darin viele Geschichten, die dich wie heutige gute Krimis in Abgründe blicken lassen. Viele hinterfragen dich allerdings auch selbst: Wie wärst du mit Ungerechtigkeit, Zorn oder Schwierigkeiten umgegangen? Und die Bibel-Krimis zeigen ausserdem, dass Verbrechen und Gewalt nicht das letzte Wort haben werden. Das verbindet sie mit den meisten Krimis auf unseren Nachttischen.

In seinem Buch «Die spannendsten Kriminalgeschichten der Bibel» betont Bertram Salzmann: «Die biblischen Kriminalfälle haben Aussagekraft. Sie sind mit Bedacht in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen worden.» Sie illustrieren nicht nur das Böse, zu dem Menschen fähig sind, sondern zeigen auch dessen Ausgang, denn am Ende wird dieses Böse überführt. «Gott steht für Gerechtigkeit ein, wenn auch nicht immer unmittelbar», hält Salzmann fest und beschreibt damit das erleichterte Aufatmen, wenn du deinen Krimi oder die Bibel nach dem Lesen zuschlägst.

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Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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