Freitag, 12. April 2024

Lieben hiess loslassen

Maya Friedli, 38 Jahre alt, wohnt in Jona, ist verheiratet und hat vier Kinder
2012 ziehen Maya und Joel Friedli aus dem Emmental an den Zürichsee. Kurz darauf kommt Shane als «Frühchen» zur Welt. Er kämpft sich ins Leben und entwickelt sich gut – doch erlebt seinen vierten Geburtstag nicht.

Nach zwei Mädchen werden Maya und Joel Friedli im Herbst 2013 Eltern von Söhnchen Shane. Aus beruflichen Gründen sind sie eben erst aus dem Emmental nach Jona gezogen und freuen sich über den Familienzuwachs. «Die Schwangerschaft verlief nicht unkompliziert», erzählt die gelernte MPA. «Shane wurde einen Monat zu früh per Notkaiserschnitt geboren.» Das Kind wog 1700 g und mass 40 cm. Der Harnleiter war nicht ganz entwickelt. Operationen bescheren Shane wiederholt Blasenentzündungen, die stationär behandelt werden müssen. Dennoch wächst er zu einem fröhlichen kleinen Bub heran, saust mit Begeisterung auf seinem Laufrad durch die Gegend. «Seine Beine waren fast immer in der Luft», erinnert sich Maya und schmunzelt.

Stolzer grosser Bruder

Knapp drei Monate vor seinem vierten Geburtstag bekommt Shane ein Schwesterchen. «Er hat sich sehr auf Jayna gefreut, ihr noch im Bauch Liebeserklärungen zugesprochen», sagt Maya. Eine Woche nach der Geburt wieder zu Hause, bittet sie ihren Mann, mit den Kindern nach draussen zu gehen. Sie brauche etwas Ruhe mit dem Neugeborenen. Mayas Entspannung wird jäh unterbrochen, als es Sturm klingelt. Die 12-jährige Jamilia ruft panisch durch die Gegensprechanlage: «Mami, komm schnell, Shane ist überfahren worden!» Maya legt die kleine Jayna in Jamilias Arme und läuft los. Wenige hundert Meter vom Haus entfernt sieht sie Joel mit Shane im Arm auf dem Boden sitzen. Was war geschehen? Die fünfjährige Chelsea und ihr Bruder waren mit ihren Rädern auf dem Trottoir vor dem Vater hergefahren. Als sie eine Containerbucht passierten, fuhr eine Autofahrerin aus dem dahinterliegenden Parkplatz auf die Strasse. Shane landete unter den Rädern ihres Wagens. Joel beförderte seinen Sohn vorsichtig unter dem Auto hervor, während Augenzeugen den Rettungsdienst alarmierten. Schockiert und tränenaufgelöst stand die Lenkerin daneben.

«Mami, komm schnell, Shane ist überfahren worden!»

Folgenreiche Entscheidung

Als Maya am Unfallort eintrifft, nimmt sie Shane auf den Schoss. Er wimmert, sagt immer wieder: «Mami, Mami, ig wott inä» – er wolle nach Hause. Alle Rettungsversuche von Ambulanz und Rega scheitern, Shane ist zu schwer verletzt. Als ihr kleiner Sohn seinen leiblichen Körper verlässt, sieht Maya im Geist zwei Engel und Jesus. Dieser lässt sie wissen: «Ich kann dir Shane zurückgeben. Oder du lässt los und übergibst ihn meiner allumfassenden Liebe.»

Maya erzählt: «Ich spürte diese überwältigende Liebe, Annahme und musste mich entscheiden: Vertraue ich dieser Liebe oder klammere ich mich an mein Kind?» Instinktiv realisiert die Mutter: «An keinem anderen Ort wird es Shane besser gehen als bei Jesus!» – und lässt ihr geliebtes Kind los.

«Ich spürte diese überwältigende Liebe, Annahme und Geborgenheit, die von Jesus ausgingen.»

Trauer und Trost

Zur Unterstützung der Familie reist Mayas Mutter an, eine Gruppe von Frauen der Freikirche ICF liefert regelmässig Mahlzeiten. Maya sucht Hilfe bei einer Seelsorgerin der Kirche, ein Jahr danach bei einer Trauerbegleiterin. «Die vielen Gespräche mit beiden haben mir sehr geholfen», erklärt sie. Joel und Maya trauern unterschiedlich. Er übernimmt alles Administrative, betätigt sich sportlich, tauscht sich mit einem Freund aus und beginnt, sich als Hockey-Trainier zu engagieren. Nach dem Tod seines Sohnes und der Kündigung seines damaligen Traumjobs ist Joel ein Jahr lang nicht arbeitsfähig.

Seine Seele hat zu viel zu verkraften. Schliesslich findet der gelernte Elektromonteur und Strassenbauer eine Anstellung im Aussendienst der Hockeybranche. Dazu trainiert er die U20 bei den Lakers. Tochter Chelsea besucht therapeutische Reitstunden, um ihren Ängsten zu begegnen. Jamilia hat Freundschaften im ICF knüpfen können und gute Freundinnen, die sie in der schweren Zeit trösten und begleiten.

«Das Leben hier ist vergänglich. Das Schönste kommt erst noch, wenn wir dort sind, wo unser Kind jetzt schon ist!»

Altes abstreifen, neu glauben

Shanes Tod lässt alle religiös geprägten Glaubensthesen bei Maya wegbrechen. Sie wuchs in einer sehr religiösen Bauernfamilie im Emmental auf, erklärt: «In der Kirche wurde mir das Bild eines strengen Gottes vermittelt. Ich wusste nie, ob ich genüge.» Als feinfühlige Person kostet es Maya viel Kraft, zu verarbeiten, was sie beschäftigt. Anfänglich ist sie mit ihrer Seelsorgerin oft in der Natur unterwegs, reflektiert Leben und Glauben, erzählt: «Heute kann ich Jesus in inneren Bildern direkt begegnen, mit ihm reden. Auch Shane ist dabei.» Diese Bilder helfen der Mutter, den schweren Verlust zu integrieren. «Das Leben hier ist vergänglich. Das Schönste kommt erst noch, wenn wir dort sind, wo unser Kind jetzt schon ist!», zeigt sich die 38-Jährige überzeugt.

Trauern, Trost finden, neuen Lebensmut fassen – all dies braucht seine Zeit. Nach fünf Jahren resümiert Maya: «Heute bin ich körperlich und psychisch stabiler, betrachte das Leben differenzierter. Bei meiner neuen Therapeutin, die ich wöchentlich treffe, fühle ich mich gut aufgehoben.» Gegenüber der Unfallverursacherin hegt sie keinen Groll. Melden sich schmerzhafte Erinnerungen, dann sucht Maya ihre innere Oase auf und bittet Jesus um Weisheit und Kraft für den nächsten Schritt: «Auch wenn dieser Schritt nach vorne winzig ist – Jesus schenkt mir Sicherheit und Frieden, das genügt.»

Zur Person:

Einer meiner Lieblingsplätze in Jona:
Busskirch am See

Mein Lieblingsbuch:
Für immer in deinem Herzen – Viola Shipman

Meine Lieblingsjahreszeit:
Sommer

Diese App auf meinem Handy haben nicht alle:
Echo

Autor: Mirjam Fisch-Köhler
Quelle: HOPE-Regiozeitungen