Montag, 24. Juni 2024

«Ich war ein rebellischer Schüler»

Damian Gsponer gründete eine etwas andere Schule.
Vor acht Jahren gründete Damian Gsponer in Bratsch die Schule, die er als Kind gern besucht hätte. Das Interesse ist gross – bis zu 80 Kinder erlebten eine neue, innovative Art von Unterricht. Redaktorin Mirjam Fisch hat die Schule Bratsch besucht.

Vier Kinder erwarten mich an der Endstation des Postautos in Bratsch, direkt vor ihrem Schulhaus. Bevor die Privatschule einzog, hatte es sieben Jahre lang leer gestanden. Die aufgeweckte Gruppe freut sich darauf, mit einer Journalistin mittag zu essen und aus dem Schulleben zu erzählen. Das passt zum Konzept: Die Kinder sollen ihr Potenzial entfalten, der Schulleiter traut ihnen diese Aufgabe zu.

«Wir haben viel Freiheit, bestimmen selbst, wann wir an welchem Thema arbeiten oder wie lange wir Pause machen.»

 

Verantwortung und Freiheit

«Wir haben viel Freiheit, bestimmen selbst, wann wir an welchem Thema arbeiten oder wie lange wir Pause machen», erklärt Sérine. Die 13-Jährige öffnet ihren Laptop und zeigt mir, welche Aufträge sie heute erledigen wird. Sie ist selbst dafür verantwortlich, sich den Lernstoff anzueignen. Bei Fragen steht eine Lehrperson zur Verfügung. Einmal pro Woche tauscht sich Sérine mit ihrer Lehrerin aus, teilt mit, wie es ihr persönlich und mit dem Lernen geht. Die nächste Etappe wird besprochen und bei Schwierigkeiten nach Lösungen gesucht. In der Regel werden die Kinder während der gesamten Schulzeit vom gleichen Pädagogenteam begleitet. Das lässt tiefe Beziehungen wachsen.

Keine Hausaufgaben

«Wir werden in drei Stufen unterrichtet», ergänzt Matteo, 14. Nicht das Alter, sondern Fähigkeiten und Möglichkeiten bestimmen die Einstufung. «Wenn Jüngere nachrücken, werden sie von uns betreut. Ich lerne auch dazu, wenn ich ihnen etwas erkläre», bestätigt die 13-jährige Noemie. Die tägliche Austauschrunde vor Schulschluss finden alle sehr wertvoll. Da werden schöne Erlebnisse, aber auch Unstimmigkeiten des Tages angesprochen und gemeinsam Lösungswege erarbeitet. Im Anschluss geht Maja (12) ihrem Tanz-Hobby nach, Hausaufgaben gibt es nicht. Ihre Freude an Tieren lebt sie bei der Pflege der Schul-Schildkröten aus. Andere Kinder halten Hühner, für die sie einen Stall gebaut haben – bester Anschauungsunterricht für Mathematik und Geometrie!

«Jedes Kind ist einzigartig. Wir bereiten die Eintritte jeweils gut vor und stehen mit den Eltern im Austausch.»

Einzigartig und wertvoll

Damian Gsponer hat die Schule Bratsch 2016 gegründet. Mit seinem Team unterrichtete er bis zu 80 Kinder zwischen 4 und 16 Jahren vom Kindergarten bis zum Übertritt in die Mittelschule oder Berufslehre. Einige seiner Schützlinge sind beeinträchtigt, zum Beispiel durch das Downsyndrom oder wie seine älteste Tochter durch frühkindlichen Autismus. Für betroffene Kinder werden Fachpersonen beigezogen, diese beraten die Lehrkräfte spezifisch. Kinder, die in Bratsch wohnen oder solche, deren Geschwister bereits die Schule besuchen, dürfen nach Möglichkeit hier zur Schule gehen. Beim Eintritt in die Schule wird sorgfältig geprüft, welches Pensum sinnvoll ist. So können Kindergärtler auch stundenweise einsteigen.

«Jedes Kind ist einzigartig. Wir bereiten die Eintritte jeweils gut vor und stehen mit den Eltern im Austausch», bekräftigt Gsponer. «Es ist mir sehr wichtig, auch die passenden Pädagogen anzustellen. Sie müssen sich mit unseren Werten identifizieren können.» Er nennt Freundlichkeit, eine dienende und liebevolle Haltung und den Ansatz, Gutes zu säen, um Gutes zu ernten, als Erfolgsrezept. Damian Gsponer selbst richtet sich dabei nach den Werten der Bibel, spricht über seinen Glauben, wenn er danach gefragt wird.

Schwieriger Start

«Ich war ein rebellischer Schüler», blickt der Schulleiter zurück in die eigene Kindheit. «Es schwirrten schon damals viele Ideen in meinem Kopf herum, die ich gern umgesetzt hätte.» Immer wieder habe er versucht, Lücken im System zu finden: «Das ärgerte die Lehrer!» Auch als Messdiener wollte sich Gsponer, der in Gampel katholisch aufwuchs, nicht einsetzen lassen. Er empfand dies als Druck seitens der Kirche und verweigerte sich. Als er während seiner Ausbildung an der pädagogischen Hochschule Nicole kennenlernte, erzählte ihm diese von ihrer Beziehung mit Jesus. Damit wollte der junge Mann nichts zu tun haben. Aber die hübsche Kommilitonin faszinierte ihn.

Neue Herzenshaltung

Und so begleitete er Nicole einige Male in den Gottesdienst ihrer Freikirche. Er würde die Predigten der Pastoren auf ihre Rhetorik hin überprüfen, nahm er sich vor. Aber dann wurde ein Lied gespielt, das ihn mitten ins Herz traf: «Gott, ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst …» Gsponer wird klar: «Gott kennt mich, samt meines rebellischen Wesens – und er liebt mich dennoch!» Der junge Mann beginnt, in der Bibel zu lesen, spürt, dass die Worte wahr sind und lädt kurz darauf Jesus in sein Leben ein.

Alles zu seiner Zeit

Gern würde Damian Gsponer seine Schule unter dem Dach des Kantons führen. Bisher ist dies nicht möglich. Sein Konzept hingegen interessiert viele. Der ehemalige Leiter der Sekundarschule Leuk und Dozent an der pädagogischen Hochschule hätte nichts dagegen, die Schulform zu multiplizieren. Der Zeitaufwand dafür ginge jedoch stark zu Lasten der guten Beziehung zu seinen Schülerinnen und Schülern. Deshalb beschloss er gemeinsam mit seiner Frau, sich vorerst auf seine Tätigkeit als Schulleiter und Pädagoge in Bratsch zu konzentrieren. Wenn die eigenen drei Kinder – heute zwischen 7 und 13 Jahre alt – selbstständiger sind, werde die Zeit kommen, das Erfolgsrezept in der Schweiz und mit der Welt zu teilen.

Geld vom Himmel

Damian und Nicole Gsponer haben die Entwicklung ihrer eigenen Kinder seit Geburt an mitverfolgt. Stets war ein Elternteil zuhause und für die Kinder da, während der andere fürs Einkommen sorgte. «Wir leben mit viel Gottvertrauen», bestätigt Damian Gsponer.

Darauf sieht er sowohl seine Familie als auch die Schule angewiesen. Nicole und er erlebten, wie Gott ganz praktisch half, als die Schule finanziell herausgefordert war: «Unerwartet übernahmen eine Stiftung und eine Privatperson die ausstehenden Rechnungen. Das war ein Wunder!», sagt Gsponer. Er lächelt – im festen Vertrauen darauf, dass es nicht das letzte gewesen sein wird.

Autor: Mirjam Fisch-Köhler
Quelle: Hope Schweiz Nr. 2