Schönes, das darauf wartet, ergriffen zu werden

Lothar Kosse
«Vielleicht ist die Musik das, was vom Garten Eden noch immer zu uns rüber leuchtet und das, was uns immer wieder zeigt, dass noch so viel ‘Herrliches’ auf uns wartet», erklärt der Musiker Lothar Kosse im Interview mit Livenet.

Lother Kosse, dein neues Album trägt den Titel «Shekinah». Was bedeutet dieser Begriff für dich persönlich und musikalisch?
Lothar Kosse:
«Shekinah» ist ein hebräischer Begriff für Herrlichkeit. Mich fasziniert das Erleben der Herrlichkeit Gottes schon seit meiner Jugend, besonders wenn es dabei um Musik geht. Wenn ich Gitarre spiele oder Worship leite, erwarte ich eigentlich immer, dass sich etwas von meiner Musik mit Gottes Welt verbindet und eine Art Kommunikation auf höherer Ebene entsteht. Diese Verbindung zu spüren ist das Schönste, was ich in der Musik erleben kann, auch wenn es nur für ein paar Sekunden ist. Wir haben während der Aufnahmen ein paar solcher Momente gehabt und dafür bin ich sehr dankbar.

Es ist ein reines Instrumentalalbum, welche Geschichte oder welches übergeordnete Konzept steckt hinter «Shekinah»?
Ich wollte diesmal wieder ein Instrumentalalbum machen, wo die Musik alle Freiheiten haben darf. Die Musik sollte hier überhaupt keinen wie auch immer gearteten Zweck erfüllen, sondern die Freude an der Musik selbst und am kreativen freien Spiel war absolute Priorität. Das habe ich auch meinen Musikerfreunden genau so gesagt, als wir uns in Amerika getroffen haben: Spielt das, was euch Freude macht und haltet euch bitte nicht zurück. Ich glaube, dass wir diese Art des kreativen Musikmachens wieder neu entdecken dürfen. Von den Leviten, den Worshipmusikern zur Zeit Davids wird immer wieder berichtet, dass sie «geisterfüllt» auf ihren Instrumenten spielten. Oder anders übersetzt «auf ihren Instrumenten prophezeiten». Das heisst: Sie haben etwas zum Ausdruck gebracht, was man nicht mit Worten sagen kann. Das macht unglaublich viel Spass!

Kannst du ein, zwei Titel des Albums etwas näher vorstellen?
Ja, gerne. Der Titelsong «Shekinah» fasst das Grundgefühl des Albums vielleicht am besten zusammen. Er hat einen Midtempo Groove, eine recht einfache Melodie und viel, viel Platz für den Klang der Instrumente. Der Bass, das Schlagzeug, die Gitarre alles hat Raum und darf diesen Raum mit kreativer Musikalität erfüllen. Es ist als wenn ein Zug in einer weiten schönen Landschaft so ruhig und gemächlich fährt, dass man jederzeit auf und abspringen kann. Vinnie und Abraham sind die absoluten Meister des Grooves und wenn man sie dabei hat, fährt der Zug ganz von alleine. Diese innere Ruhe beim Musizieren lässt das Herz aufatmen, es ist ein «friedvolles sich Fortbewegen».

Ein anderer Song, den ich gerne mag, ist «Song of the father». Ich habe ihn zu Hause am Klavier geschrieben. Geschrieben ist eigentlich übertrieben, ich habe mich ans Klavier gesetzt, etwas vor mich hingespielt und dann war auf einmal diese Melodie da. Meine Frau sagte sofort: Das musst du unbedingt aufnehmen, das ist sehr, sehr schön. Manchmal kommen einem die Melodien entgegen, sie wollen sich hörbar machen. Und wenn man sensibel genug dafür ist, kann man sie aus der nicht hörbaren in die hörbare Wirklichkeit bringen. Man nennt das wohl Komponieren, aber eigentlich trifft es das nicht. Es ist viel mehr das Ergreifen von schönen Dingen, die darauf warten ergriffen zu werden.

Du hast das Album in Los Angeles aufgenommen – welchen Einfluss hatte die Stadt auf den Sound?
Das ist eine gute Frage! LA war in meiner Jugend ein absoluter Sehnsuchtsort für mich. Ich war mit 19 zum ersten Mal dort und wollte dort eigentlich bleiben. Einfach weil dort alle Musik, die ich so sehr liebte, zu Hause war. Ich weiss noch, wie ich damals kurz vor dem Rückflug nach Deutschland auf der Gangway stand und mir sagte: Junge, bist du eigentlich bekloppt? Warum fliegst du eigentlich wieder zurück? Alles, was du liebst, ist hier. Ich musste aber wieder zurück, weil ich noch meinen Zivildienst in Deutschland ableisten musste. Der Herr hatte für mich einen anderen Weg als in Amerika als Musiker zu arbeiten, wie ich später herausgefunden habe. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür, dass alles so gekommen ist, wie es ist. Jetzt sehe ich die Dinge mit etwas anderen Augen, auch weil das LA von heute ein anderes ist als Anfang der 80er. Trotzdem war es mal wieder schön dort zu sein, aber vor allem wegen meiner Musikerfreunde. Mein Dank gilt in dem Zusammenhang meinem guten Freund Matthias Heimlicher, der diese Session in LA organisiert hat und auch Dave Mägert, der uns sein wunderbares Studio zur Verfügung gestellt hat.

(v.l.n.r.) Vinnie Colaiuta, Lothar Kosse und Abraham Laboriel

Du hast das Werk mit Abraham Laboriel und Vinnie Colaiuta aufgenommen, welche Instrumente oder Klangfarben stehen auf dem Album im Mittelpunkt?
Abraham und Vinnie sind meine absoluten Heros und ich schätze mich sehr glücklich sie kennen zu dürfen. Vinnie ist für mich der «Papst» aller Drummer und seine Musikalität und die Schönheit in seinem Spiel ist einfach unbeschreiblich. Das Gleiche gilt für Abraham. Mich bewegt sein Spiel oft so sehr, dass ich vor Freude weinen muss, wenn ich mir seine Basstracks anhöre. Das sind ganz besondere Begabungen und nicht mit anderen Begabungen vergleichbar. Und es zeigt einmal mehr, dass der Herr seine Gaben an uns alle so schön verteilt. Und dass wir diese Gaben nehmen dürfen und an ihnen arbeiten und sie Stück für Stück vervollkommenen. Nicht aus Zwang, sondern aus purer Leidenschaft. Das segnet uns selbst und alle Menschen um uns herum auch.

Welche Emotionen möchtest du mit «Shekinah» beim Hörer auslösen?
Mmmh, ich weiss gar nicht, ob ich eine Emotion auslösen möchte. Ich glaube eher, die Musik wird das ganz von alleine tun, wenn sie den Zugang zu den Herzen der Menschen, die Musik lieben, findet. Insofern bin ich da eigentlich ganz absichtslos. Zuerst darf sie mich berühren und dann wird sie sicher auch andere Menschen berühren und darüber freue ich mich natürlich sehr.

Was wünschst du dir, was die Zuhörer nach dem Hören von «Shekinah» mitnehmen?
Ich würde mir wünschen, dass die Musik einen Zugang zur Schönheit Gottes schafft. Gott schafft so viele herrliche Dinge um uns herum und die Musik ist ein Teil davon. Vielleicht ist die Musik das, was vom Garten Eden noch immer zu uns rüber leuchtet und das, was uns immer wieder zeigt, dass noch so viel «Herrliches» auf uns wartet.

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Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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