Korintherbrief statt Bibelleseplan
Das neue Jahr ist bereits ein paar Tage alt. Und wenn du dir wie etliche andere überlegt hast, in diesem Jahr die Bibel einmal komplett durchzulesen, dann kommt gerade der erste Härtetest auf dich zu. Die Urlaubstage sind vorbei, du arbeitest wieder und die freie Zeit wird kürzer. Morgens ist erst einmal Schneeräumen angesagt statt drei Kapiteln in der Bibel. Schnell verflüchtigt sich damit die Idee des Jahresprogramms, bevor eine richtige Gewohnheit daraus werden kann.
Die nächste Hürde heisst dann Levitikus. Natürlich ist auch das 3. Buch Mose ein wunderbarer Teil der Bibel, es hat allerdings mit 27 Kapiteln über das Opfern und die Reinheitsgebote ein paar Längen… Wenn du trotzdem Freude am Gesamtpaket der Bibel hast: Geniesse sie. Du wirst Gewinn vom Lesen haben. Aber wenn du dich fragst, ob nicht auch ein Plan B möglich ist, dann möchte ich dir eine Idee vorstellen: die Tiefbohrung.
Tief statt breit
Es gibt nicht nur die Alternativen, die ganze Bibel auf Zeit durchzulesen oder einzelne Losungsverse zu betrachten. Du kannst auch an einer Stelle «den Bohrer ansetzen» und in die Tiefe gehen. Gerne ohne zeitliche Vorgaben. Suche dir dafür ein biblisches Buch aus, das möglichst viele verschiedene Themen anspricht, das alltagsrelevant für dich ist und das lang genug ist, dass du dich eine Weile damit beschäftigen kannst. Mein Vorschlag: der 1. Korintherbrief von Paulus. Die gut 20 Seiten kannst du locker in einer Dreiviertelstunde durchlesen. Gleichzeitig enthält der Brief streitbare Texte, praktische Abschnitte übers Gemeindeleben und nicht zuletzt wunderschöne Gedanken wie das «Hohelied der Liebe».
Einfach mal lesen
Wenn du dich für eine Weile auf ein einzelnes biblisches Buch beschränkst, hast du den Vorteil, dass die Einstiegshürde wesentlich tiefer ist. Du brauchst dich zeitlich nicht festzulegen. Du musst keinen Plan haben, keinen Monat oder gar ein Jahr durchhalten. Lies den Brief zunächst in einem Rutsch durch. Lass das Ganze auf dich wirken. Und dann lies ihn noch einmal und noch einmal. Bereits jetzt werden dir, obwohl du den Bibeltext wie ein normales Buch durchliest, Dinge auffallen, die du noch nie bemerkt hattest. Notiere sie dir gern für später, dann wechsele die Bibelübersetzung und lies den Brief wieder durch. Wenn du das über ein paar Tage oder Wochen hindurch getan hast, bist du in dem Brief bereits zu Hause. Du weisst, was wo steht, du kennst viele Ansätze von Paulus und sicher hast du jede Menge Fragen. Jetzt ist es Zeit für die nächste Stufe.
Themen vertiefen
Nimm dir deine Notizen oder frage dich aufgrund deiner bisherigen Lektüre, welche Themen Paulus in diesem Brief behandelt. Und dann schau einmal speziell, was er alles dazu sagt. Im 1. Korintherbrief spielen ethische Fragen eine wichtige Rolle. Wie sieht das christliche Leben in einer unchristlichen Gesellschaft aus? Welche Rolle spielen eigene Überzeugung und gegenseitige Rücksichtnahme? Auch die Frage nach den Begabungen erhält hier breiten Raum. Welche Gaben beschreibt Paulus? Welche Rolle spielen die sogenannten «Charismen» (Geistesgaben) in der Gemeinde? Und bei dir?
Schau bei diesen und anderen Themen zunächst einmal, was im Korintherbrief steht. Nimm dann eine Konkordanz oder die Schlagwortsuche in deiner Bibel-App und sieh nach, was Paulus in seinen anderen Briefen zum gleichen Thema sagt. Was meint Jesus in den Evangelien dazu? Kommt das Motiv vielleicht sogar schon im Alten Testament vor? Wichtig: Nimm erst einmal wahr, was angesprochen wird, und welche Gedanken dir dazu kommen. Nicht für alles wirst du auf dieser Basis (oder überhaupt) eine endgültige Antwort finden. Manche Aussagen werden unverständlich bleiben wie der Satz von Paulus über Menschen, die sich «für die Toten taufen» lassen – die Korinther haben ihn damals verstanden, wir nicht unbedingt.
Was sagen andere?
Nun ist es an der Zeit zu sehen, was andere zum 1. Korintherbrief, den darin beschriebenen Fragen und der damaligen Zeit, sagen. Nimm dir einen zugänglichen, praktischen und zugleich herausfordernden Kommentar zum Brief wie zum Beispiel «Paulus für heute: Der 1. Korintherbrief» von N. T. Wright. Zu Recht meint Dr. Thomas Weissenborn aus Marburg dazu: «Wright versteht es meisterhaft Geschichte, Theologie und heutige Themen miteinander zu verbinden. Die Reihe bietet sich damit für alle an, die nicht nur in ihrer Stillen Zeit tiefer graben wollen.»
Natürlich kannst du auch zu anderen Kommentaren greifen. Wichtig ist nur, damit neue Perspektiven an dich heranzulassen. Wenn du Hilfen konsultierst, die du immer nimmst, wirst du weniger Neues entdecken. Versuche deshalb gern etwas völlig anderes. Es gibt zum Korintherbrief zum Beispiel den Essay «Korinthische Brocken» des Theologen Christian Lehnert – kein Kommentar im eigentlichen Sinne, aber ein spannender Zugang zum Apostel, der (so der Klappentext) «über die modernen Verlusterfahrungen des Glaubens und über die Beliebigkeiten eines ‹Wellness›-Christentums hinausführt ins Offene». Du kannst dir auch TV-Dokus übers antike Griechenland oder die Hafenstadt Korinth anschauen oder deinen Jahresurlaub in der Gegend planen. Werde praktisch: Mach einen Gabentest, probiere neue Arbeitsbereiche in deiner Gemeinde aus und ermutige auch andere, ihre Fähigkeiten einzusetzen.
Verständnis gewinnen
Vielleicht hast du dich am Ende drei Wochen lang mit dem 1. Korintherbrief beschäftigt, vielleicht werden es auch sieben Monate. Finde deine eigene Zeit. Suche nach deinen Zugängen zum Brief. Und lies immer mal wieder in diesem faszinierenden Stück antiker Briefliteratur. Bleibe dabei nicht stehen, sondern setze Dinge, die du erkennst, in die Praxis um. Wenn du deine Tiefbohrung in der Bibel nach einer Weile abschliesst, wirst du merken, dass du einen neuen Freund gewonnen hast. Paulus wird dich mit seinem 1. Korintherbrief weiterhin begleiten und prägen. Und wenn du dann tatsächlich einmal in 3. Mose etwas zu den Opfergesetzen liest, werden dir Parallelen auffallen. Insgesamt wirst du merken: Solch ein vertieftes Bibellesen ohne Zeitplan verursacht keinen Druck und es bereichert deinen Glauben und dein Leben. Versprochen.
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