Die Tretmühlen des Glücks

Die Veranstaltenden des Politforums (v.l.n.r.): Mirjam Waber (EDU), Nicolas Glauser (glp), Franziska Eggenberg (EDU), Mathias Binswanger (Referent), Jonas Baumann-Fuchs (EVP), Simon Badertscher (EVP), Vanessa Meier (glp)
Mehr Einkommen, mehr Glück? Unsere Gesellschaft geht automatisch davon aus. Am 17. Politlunch in Thun zeigte der renommierte Ökonom Mathias Binswanger auf, warum das erhoffte Glück trotz grösserem Wohlstand oft auf der Strecke bleibt.

Mathias Binswanger gehört zu den Ökonomen, auf die im Land besonders gehört wird. Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen ist laut NZZ der Ökonom mit dem grössten Einfluss in der Politik.
Seine Arbeiten widmen sich insbesondere dem Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Vor rund 50 Interessierten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sprach Binswanger am 17. Thuner Politlunch am 13. Januar 2026, erstmals im Hotel Seepark Thun. Scharfsinnig und humorvoll widmete er sich der unbequemen Frage, warum immer mehr Wachstum uns nicht immer glücklicher macht.

Nur relativer Zusammenhang

Viele Menschen gehen automatisch davon aus, dass sie glücklicher wären, wenn sie beispielsweise 100’000 Franken mehr hätten – was die Glücksforschung als Irrtum entlarvt. Das Streben nach mehr und der Zwang zum Wachstum in unserer modernen Wirtschaft machen uns nicht automatisch glücklicher. Die allgemeine Lebenszufriedenheit ist messbar, und nach dem «World Happiness Report» befindet sich die Schweiz seit Jahren in der Spitzengruppe. Binswanger weiss allerdings: «Wenn man Menschen nach Glück fragt, geben sie zu positive Antworten» – Deutschschweizer mehr als die anderen Sprachgruppen, die mehr von den «lateinischen» Kulturen beeinflusst sind, «und da beklagt man sich eher», so Binswanger.

Die U-Kurve

Bei der Glücksforschung gelte es auch, den Alterszusammenhang zu berücksichtigen: Junge Menschen sind im Vergleich glücklicher, dann geht die Glückskurve hinunter, bis sie um die 50 einen Tiefpunkt erreicht. Danach steigt sie wieder an, sodass ältere Menschen zu den glücklichsten im Lande gehören. 

Natürlich besteht auch zwischen Einkommen und Glück ein gewisser Zusammenhang: Reichere Menschen sind im Durchschnitt deutlich glücklicher als ärmere. Der Gesamtüberblick zeigt jedoch, dass dies nur bis zu einem bestimmten Einkommen gilt, darüber hinaus nimmt das Glück nicht mehr zu. In den USA liegt diese Grenze z. B. bei 40’000 US-Dollar. Die Frage in der Diskussion, wo diese Grenze in der Schweiz liegt, «ab der man nicht mehr glücklicher wird», blieb leider offen.

Die Tretmühlen

Warum werden wir mit mehr Geld nicht glücklicher? Der Grund: Mit mehr Einkommen geraten Menschen in psychologische Fallen, die Binswanger «Tretmühlen» nennt. Die «Status-Tretmühle» zum Beispiel bedeutet: Wir vergleichen uns – Hauptsache, wir verdienen mehr als andere. Wenn wir im Vergleich abfallen, ist das ein Glückskiller, obwohl wir absolut gesehen genug haben. Die «Anspruchstretmühle» lässt unsere Ansprüche steigen, doch selbst «jedes Jahr ein neues Smartphone» wird bald als langweilig empfunden. Die «Multioptionstretmühle» zwingt uns zu immer mehr Vergleichen, um zwischen immer mehr Angeboten und Möglichkeiten zu entscheiden. «Überall optimal sein» führt zu enormem Stress und ist ein Glückshemmer. Und selbst die «Zeitspartretmühle» suggeriert, dass wir mit vielen Innovationen unser wertvollstes Gut, die Zeit, «sparen». Aber wir packen in diese Zeit viel mehr hinein, die «gesparte» Zeit wird anderweitig gefüllt.

Was kann man gegen diese Tretmühlen tun? Hier verwies der Referent auf sein Buch «Die Tretmühlen des Glücks» (Verlag mosaicstones), das zum Sonderpreis beim Politlunch auflag. Eine rege Fragezeit schloss sich an das gemeinsame Mittagessen an. Der Thuner Politlunch wird jedes Jahr Anfang Januar während der Gebetswoche der Evangelischen Allianz von der Fraktion der EVP, der EDU und den Grünliberalen veranstaltet.

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Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet

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