Spuren des Aufbruchs in Kirchen

Jugendarbeiter Nikola Baskarat (links) und Pfarrer Simon Weinreich (rechts) im Livenet-Talk an der Explo 25
Säkularisierung ist spürbar, Esoterik und Islamisierung nehmen zu. Die Gruppe der Religionslosen wächst, sie bezeichnen sich auch nicht als spirituell. Im Livenet-Talk wurde an der Explo diskutiert, wie Glauben in neuen Formen gelebt werden kann.

«Leere Gotteshäuser – hilft bald nur noch beten?», fragt das Schweizer Fernsehen. Die Studie «Religion der Moderne» zeigt auf, dass die Säkularisierung seit den 60er Jahren voranschreitet. In den letzten 15 Jahren beschleunigte sich dieser Prozess. Ein Religionssoziologe stellt klar, Grund dafür sei nicht unbedingt die Ablehnung von Religion. Viele seien jedoch durch anderes abgelenkt – das sei ihnen wichtiger.

Stefan Schweyer, Professor für praktische Theologie an der STH Basel, führt anhand neuester Zahlen aus, dass die Freikirchenszene stagniere und leicht schrumpfe. Weniger schnell als die Landeskirchen. Aber sie sei nicht unberührt davon und kompensiere die Kirchenaustritte nicht. «Die Freikirchen profitierten schon immer vom religiösen Grundwasserspiegel der Grosskirchen», stellt er klar. Freikirchen blühen dort am meisten auf, wo auch die Grosskirchen intensiv unterwegs sind. So sind das Berner und das Zürcher Oberland Hotspots der Freikirchen. Gemeinsam neue Formen zu etablieren, wäre damit eine Chance für beide.

Religionslose sind die Mehrzahl

Am schnellsten wachsen nicht der Islam oder Esoterik. Es ist die Gruppe von Menschen, die sich weder als religiös noch spirituell bezeichnen. Sie leben ohne religiöse Erfahrungen und vermissen diese auch nicht. Man unterscheidet die beiden Facetten Institutionelle Religion mit klaren Glaubensinhalten und freie Religiosität oder Spiritualität. Zahlen zeigen, dass das spirituelle Segment vorhanden sei, aber es sei weder dynamisch noch schnell wachsend. Dies treffe jedoch auf Nicht-Religiöse zu. In einem Gespräch könne es helfen, zu definieren, an was für einen Gott jemand glaubt oder eben nicht. Schweyer erläutert: «Die Abkoppelung der religiösen von den anderen Sphären des Lebens führt dazu, dass Religion ausschliesslich im Privatleben praktiziert wird.» Die Gesellschaft gewöhne sich damit an einen Lebensstil, in dem Gott nicht vorkomme.

Kirche hat Zukunft

Der reformierte Pfarrer Simon Weinreich will mitarbeiten beim Aufbau der Kirche. Auch wenn im Kanton Zürich keine 50 Prozent mehr Kirchenmitglieder sind, steht für ihn fest: «Die Kirche ist nicht tot – der Leib Christi ist nach wie vor lebendig.» Wer weiter die Kirche besuche, mache dies bewusst, nicht aus Tradition. Um neu Glauben zu wecken und zu leben, müssten daher neue Formen gefunden werden. Als Beispiel nennt er Familien, die ihre Kinder zur Taufe bringen. «Sie tun das oft, weil die Grosseltern es wünschten. Die nächste Generation wird das kaum mehr machen.» Wenn die Tradition nicht mehr so wichtig sei, brauche es persönliche Erfahrungen mit Gott, um Glauben lebendig zu halten.

Nikola Baskarat arbeitet als katholischer Jugendarbeiter in der Heilig-Geist-Kirche Zürich. Für ihn ist die ganze Kirchenlandschaft vom Mitgliederschwund betroffen. Heute wechsle man immer wieder den Wohnort. Neuzuzüger suchten nicht automatisch eine Heimat in der Ortskirche, sondern erschaffen ihr soziales Netz immer wieder neu.

Netz-Kloster

«Wir sind ein Kloster, das digital funktioniert und Tagzeitengebete anbietet», erklärt Simon Weinreich, der «Netz-Abt» der EMK Schweiz. «Es gibt viermal pro Tag eine Gebetszeit per Zoom, das Menschen aus der ganzen Welt verbindet.» Diese Form passe gut zu Themen wie Achtsamkeit und Meditation, die viele im Buddhismus verorteten, die aber auch in der christlichen Tradition verwurzelt seien. Der Start der christlichen Kontemplation gehe zurück auf Wüstenmütter und -Väter. «Wir wollen ihre Schätze in der digitalen Welt heben.»

Nikola Baskarat stellt klar, dass Strukturen Sicherheit vermitteln. «Liturgien können den Heiligen Geist aussperren oder ihm Raum schaffen.» Viele Menschen sehnten sich nach einer Beziehung zu Gott, und sie suchten einen passenden Rahmen dafür. Deshalb engagiere er sich im Gebetshaus. Er brauche selbst auch einen definierten Ort fürs Gebet. Das tue ihm gut. «Wenn ich im Schlafzimmer bete, schlafe ich ein», gesteht der junge Mann. Er ermutige auch Jugendliche dazu, sich in gewissen Dingen festzulegen. Sie müssten ihr Leben fortlaufend planen, alles unterbringen, was sie interessiert. «Hat Jesus da überhaupt Platz?» Er ermutige sie: «Es ist deine Entscheidung, ob du an unseren Treffen teilnimmst oder nicht.»

Für Nikola stand schon als Kind fest, dass es Gott gibt. Seine Eltern hätten ihn regelmässig in die Kirche mitgenommen. Die Rituale dienten damals eher dem geistlichen Überleben, als einer Beziehung mit seinem Schöpfer. Das ist heute anders. Florian Wüthrich ergänzt, dass in Schweden ein geistlicher Aufbruch unter der Jugend wahrnehmbar ist, ebenso in Frankreich und England.

Jesus heilt

Im Christlichen Lebenszentrum (CLZ) Spiez werden jeden Sonntag drei Gottesdienste angeboten. Gut 1000 Besucher besuchen sie. «Und jede Woche finden Menschen zu Jesus, vom Bauern bis zum Banker», erklärt Gründer Markus Bettler. «Alkohol- oder Drogensüchtige werden gesund, Ehen und Familien wiederhergestellt: «Das ist das Schönste!» Dazu wächst die Gemeinde – das sei ein Prozess, den Gott führe. In Thun wird nun eine weitere Halle für 1000 Gäste umgebaut, die Leitung habe Bettler an seinen Sohn abgegeben. Auch Ursula Bettler engagiert sich intensiv für die Kirche, dazu liebt sie es, in die Begleitung ihrer Enkelkinder zu investieren. Weil Jesus immer bei ihr sei, schaue sie voll Zuversicht in die Zukunft. Durch Schwierigkeiten sei das Vertrauen in ihn noch gewachsen: «Ich muss keine Angst haben – er sorgt für mich.»

Fragen aus dem Publikum

Hat der Rückgang der Gottesdienstbesuche mit unserem Wohlstand zu tun? Nikola Baskarat hält das für möglich. Wohlstand könne den Eindruck vermitteln, man brauche keinen Gott. Simon Weinreich erwähnt, dass eine starke Demokratie und stabile politische Umstände Sicherheit vermitteln und in der Folge davon Gottesdienstbesuche abnehmen.

Hat der moderne Mensch keine Lust mehr, auf sein Inneres zu hören? «Achtsamkeit ist sehr präsent», stellt Weinreich klar. Der Buddhismus strebe damit innere Leere an, der christliche Glaube eine Gottesbegegnung. «Die Menschen haben vergessen, dass sie auch in der Stille Gott begegnen können.»

Nikola Baskarat erlebt, dass Schicksalsschläge zu Gott führen. Dass man sie als Einladung wahrnehme: «Stopp – komm zu mir, ich warte auf dich.» Er schätze daher Formen wie das Netz-Kloster. «Jugendliche sind ständig im Netz – wir müssen auch dort sein», findet er. Die Aufforderung von Fr. Hayden Williams will er umsetzen: «Wenn ein Feuer in dir brennt, bleib dran. Und unterschätze nicht die Beziehung zu einer einzelnen Person.» Er wünscht sich, dass jeder Christ ein Jahr lang einen anderen Menschen begleitet und so seinen Glauben lebt.

Simon Weinreich ist es wichtig, Orte zu schaffen, wo Menschen Gott begegnen können, seien es digitale Räume oder als Gebetshaus. «Wir wollen dafür beten, dass dies geschieht.»

Zum Talk:

Zum Thema:
Dossier: Livenet-Talk
Livenet-Talk@Explo25: Mehr Entfaltungsraum für die Jugend 
Der zweite Tag der Explo 25: Kopf im Himmel – beide Beine auf der Erde 

Autor: Mirjam Fisch-Köhler
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung