Wo war Gott?

Trauerzeremonie in Crans-Montana
Die Katastrophe in Crans-Montana erschütterte die Schweiz und fand auch international grosse Beachtung. Solche Unglücke rufen neben vielen andern unweigerlich die Frage auf: Wo war Gott? Was hat der christliche Glaube zu diesem Ereignis zu sagen?

Umso auffälliger war, dass diese Fragen in den Tagen nach der Brandkatastrophe auf den SRG-Sendern und den meisten tagesaktuellen Medien kaum gestellt wurden. Stattdessen suchte man Antworten bei Psychologinnen und Philosophen, die auf ihre Weise das Unfassbare einzuordnen versuchten. Das war wichtig – aber genügte das?

Wo war die Botschaft der Kirchen?

Die Kirchen blieben zunächst weitgehend aussen vor. Und als sie sich später äusserten, unterschieden sich ihre Stellungnahmen kaum von jenen der Psychologie. Es ist fast schon zum Stereotyp geworden, dass Kirchenleute nach Katastrophen erklären, sie hätten auch keine Antworten. Verzichten die Kirchen damit nicht auf ihre eigentliche Kompetenz?

Der «Tages-Anzeiger» hob kürzlich lobend hervor, dass der Gedenkanlass in Martigny religiös neutral gestaltet gewesen sei. Das entspricht einer langen Schweizer Tradition. Religiöse Antworten sind tabuisiert. Wer sich nicht daran hält, wird zum Teil hart kritisiert. Religion – und insbesondere der christliche Glaube – gilt als Privatsache, religiöse Sprache als heikel im öffentlichen Raum. Der Einfluss des französischen Liberalismus im 19. Jahrhundert, personifiziert etwa durch die Säkularisierungsvorstellungen des Politikers Augustin Keller (1805-1883), hat hierzulande stärker nachgewirkt als etwa in Deutschland.

Seelsorgerinnen und Seelsorger dürfen zwar in Care-Teams mitarbeiten und leisteten im aktuellen Beispiel hervorragende Arbeit – doch ihr Einsatz war nach der Katastrophe in nichtkirchlichen Medien kaum eine Erwähnung wert.

Dabei gäbe es Themen, bei denen Kirchen mehr zu sagen hätten als die Psychologen. Etwa beim Umgang mit Schuld. In der öffentlichen Debatte dominiert oft eine merkwürdige Schieflage: Schuld wird entweder verschwiegen oder gnadenlos sanktioniert. Schuldzuweisungen gelten als eine Form der Verarbeitung. Die «Unschuldsvermutung» gilt nicht für alle gleich.

Die Frage der Schuld

Philipp Loser erinnerte im «Tages-Anzeiger» an den Fall Sanija Ameti, die in ihrer Wohnung auf ein Bild von Maria und Jesus geschossen, dies ins Netz gestellt und damit einen Sturm der Empörung ausgelöst hatte. Ihr späteres Schuldeingeständnis wurde nicht akzeptiert und ihre Berufslaufbahn kollabierte. Gleichzeitig dürfen Verantwortliche für den Kollaps der Credit Suisse unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. Gibt es in diesem Land eine Lobby, welche die Reichen schützt, während andere öffentlich «abgeschossen» werden?

Auch hier hätten Kirchen etwas beizutragen: die Einsicht, dass Wahrheit, Schuldeingeständnis, Vergebung und Neuanfang zusammengehören. Zahlreiche Pilcher-Filme machen zum Thema, was passiert, wenn Schuld verschwiegen wird: Irrungen, Wirrungen, zerstörte Beziehungen. Erlösung und Normalität beginnen dort, wo Schuld benannt werden darf und vergeben wird.

Nicht immer sind die Kirchen unschuldig an ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit in der säkularen Schweiz. Bei der ökumenischen Dreikönigsmesse in Crans-Montana etwa wurde vor allem die Liturgie durchgezogen, doch aus dem reichen Schatz der Bibel waren kaum tröstende Worte zu hören. Der neue «Wort zum Sonntag»-Sprecher Pfarrer Reto Studer reagierte zwar spontan, nahm die Katastrophe auf und sagte, man dürfe bei solchen Ereignissen auch wütend auf Gott sein. Doch auch er verzichtete auf einen Hinweis auf die Auferstehungshoffnung.

Ist die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, wie sie Offenbarung 21 beschreibt, für die Kirche zu abstrakt geworden? Kann man davon nur noch im geschützten Raum eines Gottesdienstes sprechen – aber nicht mehr öffentlich? Dabei ist es doch gerade diese Hoffnung, dass das Leben nicht in dieser Zeit und auf dieser Erde endet, sondern in der Ewigkeit weitergeht, die trösten kann. Die Mutter eines in den Flammen umgekommenen Teenagers drückte ihre Hoffnung so aus: «Ich hoffe, ihn an der ewigen Party wiederzusehen.»

Die Theodizee-Frage

Fritz Imhof

Wenn die Theodizee-Frage – die Frage nach einem gerechten Gott angesichts des Leidens – heute öffentlich gestellt wird, reagieren viele Agnostiker und Atheisten mit scharfer Zunge, wie ein Blog von Hugo Stamm auf der Plattform Watson gerade wieder belegt hat. Aber reissen ihre kritischen Fragen nicht auch Wunden und Zweifel bei vielen Christen und religiös Gläubigen auf? Ja, greifen sie sogar die Fragen so mancher Psalmbeter auf? Das anzuerkennen erscheint mir eine notwendige Voraussetzung zu sein, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Denn das Leiden am Leiden verbindet uns.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass man auch früher schon nicht viel anders, also nicht leichtfertig, mit solchen Fragen umging. 1875 ereignete sich in unserer Nachbargemeinde Hellikon im Aargau ein vergleichbares Unglück. Im Treppenhaus des Schulhauses stauten sich die Menschen vor einer Weihnachtsfeier. Da stürzte das Treppenhaus ein. 73 Menschen, darunter viele Kinder, starben, weil sie zerquetscht wurden und erstickten, 35 weitere wurden schwer verletzt. Das Dorf zählte damals rund 700 Einwohner – keine Familie blieb verschont.

Die damaligen Beerdigungen Ende Dezember wurden zu kollektiven Ereignissen. Nachbargemeinden halfen bei der Bergung der Toten und Verletzen und bei ihrer Pflege, Leichenzüge zogen durch die winterliche Landschaft, Geistliche und Behörden versuchten, Trost zu spenden. Der damalige Regierungsrat Augustin Keller, der für die Abschaffung der Klöster im Aargau kämpfte, aber auch Mitbegründer der christkatholischen Kirche war, sprach von einem Schicksalswechsel «vom Irdischen ins Jenseits in einem einzigen Moment». Überliefert ist aber schon damals weniger eine explizite Theodizee-Debatte als vielmehr die Suche nach Ursachen und Schuldigen: Eine mangelhafte Konstruktion des Treppenhauses war schuld an der Katastrophe.

Umso bemerkenswerter war, dass die christkatholische Pfarrerin Hannah Audebert Mitte Dezember an einem 150-Jahre-Gedenkgottesdienst in Hellikon die Frage der Fragen aufwarf: «Wo zum Himmel war Gott damals?» Denn, so sagte sie: «An der Theodizee-Frage wird der Glaube durchbohrt.» Ihre Antwort war schlicht und dennoch stark: Gott war in den zerquetschten, nach Atem ringenden Kindern und Frauen. Er war in den Tränen der Trauernden.
 Er war im Mitgefühl von Tausenden und in der konkreten Hilfe von Hunderten. Gott, so ihre Botschaft, ist kein Gott in der Ferne. Gott ist da. Und sie schlug den Bogen zur Adventszeit 2025: Weihnachten ist das Fest der radikalen Nähe Gottes.

An einer Gedenkfeier für die Opfer der Katastrophe von Crans-Montana in der Kirche Mooslerau bekannte Pfarrerin Christine Brück in ihrer Ansprache: «Auch in mir sind Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Aber ich halte mich an dem fest, an den ich glaube und der mich in dieser Situation trägt, an den mitleidenden Gott am Kreuz Jesus Christus.»

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Forum Integriertes Christsein.

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Autor: Fritz Imhof
Quelle: Forum Integriertes Christsein

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