«Quiet revival» - geschieht das wirklich?

Die stille Erweckung erhält viel Aufmerksamkeit in den Medien
Jüngste Schlagzeilen, die auf eine Wiederbelebung des Christentums unter jungen Erwachsenen in Grossbritannien hindeuten, könnten laut einer neuen Analyse übertrieben sein. Die Ergebnisse hingen stark davon ab, wie die Umfragen durchgeführt werden.

Pew Research (Washington D.C.) wird weltweit als Quelle für objektive Daten geschätzt. In einer Analyse hat Pew nun eine wachsende Zahl von Umfragen untersucht, die unerwartet hohe Werte bei religiösem Glauben und religiöser Praxis unter jüngeren Briten melden und zu Feststellungen führen, dass das Christentum nach Jahrzehnten des Rückgangs wieder an Boden gewinnt. Vor allem der Bericht «The Quiet Revival» (Die stille Erweckung), der von der Britischen Bibelgesellschaft in Auftrag gegeben und im April 2025 veröffentlicht wurde, fand grosse Beachtung in den Medien und wurde als Beweis für ein erneutes Interesse der jüngeren Generationen am Christentum angeführt. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil der 18- bis 34-Jährigen in England und Wales, die sich als regelmässige Kirchgänger identifizierten, zwischen 2018 und 2024 um mehr als das Dreifache gestiegen ist. Zusammen mit einer steigenden Anzahl von Menschen, die sich in Frankreich katholisch taufen lassen und anderen Beobachtungen aus Europa formt sich das Bild, dass der Glaube in der Generation Z, vor allem bei jungen Männern, am Ansteigen sei.

Wie wird geforscht?

Pew stellte nun fest, dass viele dieser Ergebnisse aus «Opt-in»-Umfragen stammen, die sich auf Freiwillige stützen, die sich über Anzeigen, Mailinglisten oder Online-Panels anmelden, anstatt zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt zu werden. Untersuchungen auf Opt-In-Basis seien empfindlicher gegenüber Verzerrungen – trotz statistischer Sorgfalt. Unzutreffende Antworten seien eher möglich als bei rein «zufälligen» Untersuchungen.

Neben diesen methodischen Problemen stellte Pew fest, dass die Ergebnisse von Opt-in-Umfragen zum Thema Geistliche Situation in der Regel weitaus mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhalten als die Ergebnisse von Zufallsstichproben, die diese Darstellung in Frage stellen. Dieses Ungleichgewicht berge die Gefahr, dass das Ausmass des religiösen Wandels in Grossbritannien «überbewertet» werde. Auch wenn bei bestimmten Personen und Gemeinschaften möglicherweise ein erneutes Interesse am Glauben besteht, kommt Pew zu dem Schluss, dass auf der Grundlage von Zufallsstichproben – die weithin als Goldstandard in der Sozialforschung gelten – keine eindeutigen Anzeichen für eine anhaltende christliche Neubelebung unter jungen Erwachsenen zu erkennen sind.

Die Antwort der Bibelgesellschaft

Die Untersuchungen, die zum «Quiet Revival»-Artikel führten, basierten nach Angaben eines Sprechers der Bibelgesellschaft «auf einer hochwertigen YouGov-Umfrage, die eine bewährte und vertrauenswürdige Methodik verwendet». Und weiter: «YouGov achtet sehr genau darauf, Verzerrungen in den Antworten zu kontrollieren. Es gibt keine perfekte Umfrage, aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass `Opt-in`-Umfragen von Natur aus unzuverlässig sind», so der Sprecher.

«Es ist auch erwähnenswert, wie viele andere Belege es gibt, die die Ergebnisse von YouGov stützen – darunter eine aktuelle Umfrage von Pew selbst zur Spiritualität weltweit. Bemerkenswert ist, dass Pew die Religiosität etwas höher einschätzt als YouGov, aber insgesamt stimmen diese Umfragen so stark überein, dass es nicht glaubwürdig erscheint, die Ergebnisse von YouGov in irgendeiner Weise als Ausreisser zu betrachten.»

Kommentar: Erweckung oder nicht?

Livenet hat schon vor einiger Zeit gefragt: «Wie real ist die Stille Erweckung?» Die Frage ist: Je christlicher die Institution, desto positiver das Ergebnis? Fälschung zu unterstellen, ist sicher nicht richtig. Aber dass die Antworten verschieden ausfallen können, je nachdem ob man nach der «Opt-in»-Methode Freiwillige befragt oder ganz trocken nach dem Zufallsprinzip untersucht, scheint eigentlich nachvollziehbar. Bewusst oder unbewusst macht es einen Unterschied, ob wir die «Gesellschaft allgemein» anschauen oder mit Betroffenen reden. 

Bei solchen Untersuchungen passiert es natürlich, dass wir Ergebnisse aus verschiedenen Ländern und Quellen zusammen sehen, um unser grosses Bild zu bestätigen: «USA – Asbury – Kirk – Frankreich – Schweden – England: Da muss doch etwas dran sein.» Und es dann anekdotisch ergänzen: «Ich habs auch erlebt…» oder «Bei uns ist das auch so…». Fertig ist das grosse Bild und die Meinung in Kopf und Herzen. Wunschdenken ist ein Faktor.

Mit dem Begriff «Erweckung» sollten wir vorsichtig sein. Religiöses Interesse ist noch keine Erweckung, aber kann ein Trend sein. Statistiken sind eine wacklige Grundlage, siehe oben. Es ist übrigens keine neue Erkenntnis, dass «junge Offene» am Glauben interessierter sind als «alte Sünder».

Auf der positiven Seite: Die Tatsache bleibt – Gott ist an der Arbeit. Glaube, Erwartung und Vision sind eine starke Motivation für unsere Arbeit. In übertriebenen Erwartungen steckt Ent-Täuschungspotential, aber die Vision und Sehnsucht Gottes für die Menschen um uns herum ist allemal grösser als unsere und ein Motor, alles zu geben. Missionare auf völlig trockenen Missionsfeldern haben teilweise Jahrzehnte ohne sichtbare Frucht gearbeitet – angetrieben nicht von Trends, sondern von der Liebe Gottes. Beten und arbeiten wir dafür, dass die Feierei im Himmel über viele verlorene Sünder nicht aufhört.

Zum Thema:
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Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Christian Today / Biblesociety.org

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