Wenn der Ernstfall keine Generalprobe kennt
Friedrich «Fritz» Treib ist keiner, der lange zögert. Als Berufsmilitär, Offizier und Sicherheitsexperte hat er gelernt, in unübersichtlichen Lagen einen klaren Kopf zu behalten.
Im Gespräch mit Ruedi Josuran beschreibt er, was im Katastrophenfall wirklich zählt: Klarheit, Präsenz, Handlungsfähigkeit. Führung unter Druck bedeutet nicht, alles zu wissen – sondern bereit zu sein, die Konsequenzen zu tragen. Gerade Ereignisse wie die Silvester-Katastrophe von Crans-Montana werfen für ihn die Frage auf, wie Leitung aussieht, wenn Fehler gravierende Folgen haben und Menschen nach Halt suchen.
Führung, sagt er, beginnt nicht im Rampenlicht – sondern im Inneren.
Der Moment, in dem nichts mehr zu führen ist
Auch Friedrich Treib kennt die Situation, für die es kein Einsatzkonzept gibt. Seine Tochter erkrankte als Teenager an Krebs – und starb. Ein langer, schmerzhafter Abschied. Plötzlich war der erfahrene Offizier nicht mehr der, der ordnet, schützt, entscheidet. Die gewohnte Rolle als Verantwortlicher zerbrach. Es gab nichts zu optimieren, nichts zu kontrollieren, nichts abzusichern. Nur Ohnmacht.
Treib spricht offen darüber, wie dieser Verlust sein Gottesbild erschütterte. Glaube war nicht länger eine Überzeugung, die man argumentativ vertreten konnte. Er wurde zur existenziellen Frage. Was bleibt, wenn das eigene Können nicht mehr trägt?
In dieser Zeit lernte er etwas, das er vorher kaum kannte: sich führen zu lassen. Vertrauen nicht als Strategie, sondern als letzter Halt. Nicht mehr der Macher zu sein – sondern der Getragene. Er nennt es einen geistlichen Wendepunkt.
Israel: Trauma, Zusammenhalt und der Wille zum Leben
Heute engagiert sich Fritz Treib beim Verein Swiss Church Israel. Seine Solidarität mit dem jüdischen Volk ist für ihn kein politisches Statement, sondern Ausdruck einer geistlichen Verbundenheit.
Von einer kürzlichen Reise nach Israel hat er Eindrücke mitgebracht, die ihn tief bewegen. Die Ereignisse rund um den 7. Oktober 2023 haben ein Land erschüttert. Trauer ist spürbar. Angst ebenso. Und doch begegnete ihm dort etwas anderes, vielleicht Unerwartetes: Widerstandskraft. Zusammenhalt. Ein beinahe trotziger Wille zum Leben.
Wie geht ein Land mit kollektivem Trauma um? Was trägt, wenn Sicherheit zerbrochen ist? Für Treib zeigt sich Führung hier nicht nur in militärischer Stärke, sondern im gesellschaftlichen Zusammenstehen – im gegenseitigen Tragen.
Vertrauen in einer erschütterten Welt
Ob im persönlichen Leid, im Katastrophenfall oder in geopolitischen Krisen – die Fragen ähneln sich: Wer übernimmt Verantwortung? Wer gibt Orientierung? Und worauf gründet sich Vertrauen?
Fritz Treibs Lebensweg verbindet äussere und innere Führung. Er weiss, wie man in Krisen Strukturen schafft. Und er weiss, wie es sich anfühlt, wenn alle Strukturen wegbrechen.
Vielleicht liegt genau darin seine tiefste Erkenntnis: Führung hat Grenzen. Kontrolle ist endlich. Doch Vertrauen – das bewusste Sich-Gott-Anvertrauen – kann auch dort beginnen, wo menschliche Möglichkeiten enden.
Ein Offizier, der gelernt hat, dass die stärkste Form von Führung manchmal darin besteht, loszulassen.
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